Die canzone napoletana ist im 19. Jahrhundert in Neapel entstanden — als bürgerliche Liedform mit volkstümlichen Wurzeln, gesungen auf Neapolitanisch, das Sprachwissenschaftler als eigenständige Sprache führen, nicht als bloßen Dialekt. Ihre wichtigste Bühne war die Festa di Piedigrotta: Das alte Marienfest im neapolitanischen Stadtteil Piedigrotta bekam 1839 einen Liedwettbewerb (erster Sieger: „Te voglio bene assaje“), für den Verlage und Autoren fortan jedes Jahr neue Stücke produzierten. Ab 1880, dem Jahr von „Funiculì funiculà“, erlebte die Gattung ihre goldene Zeit — begleitet von Gitarre und Mandoline, verbreitet über millionenfach verkaufte Notenblätter.
Drei Lieder, drei Orte
Funiculì funiculà entstand 1880 zur Eröffnung der Standseilbahn auf den Vesuv — Text von Peppino Turco, Musik von Luigi Denza, noch im selben Jahr beim Piedigrotta-Fest vorgestellt. Die Noten verkauften sich binnen eines Jahres über eine Million Mal; Richard Strauss hielt das Lied später für Volksgut, zitierte es in Aus Italien und musste nach einem verlorenen Prozess Tantiemen an Denza zahlen.
’O sole mio entstand 1898: Text von Giovanni Capurro, Musik von Eduardo di Capua. Seit einem Turiner Gerichtsurteil von 2002 gilt Alfredo Mazzucchi offiziell als Mitkomponist — di Capua hatte ihm 1897 ein Bündel Melodien abgekauft, aus denen der berühmteste Ohrwurm Italiens wurde.
Torna a Surriento ist ein Werk der Brüder De Curtis: Ernesto (Musik) und Giambattista (Text). Die Melodie existierte wohl schon seit 1894; ihre bekannte Form bekam das Lied 1902 in Sorrent, als Bürgermeister Tramontano ein Ständchen für den zu Besuch weilenden Ministerpräsidenten Zanardelli bestellte — verbunden mit der Hoffnung, der Gast möge sich an seine Versprechen für den Ort erinnern.
Tarantella und Tammurriata: die andere Tradition
Neben den Salonliedern lebt in Kampanien eine ältere, bäuerliche Musiktradition. Die Tarantella ist der schnelle Paartanz, den man heute oft als Bühnenfolklore sieht. Die Tammurriata ist etwas anderes: ein archaischer Gesang und Tanz zur tammorra, der großen Rahmentrommel mit Schellen, eng verbunden mit den Marienfesten der Region. An der Amalfiküste erlebt man sie am eindrucksvollsten bei der Wallfahrt zur Madonna dell’Avvocata: In der Nacht zum Pfingstmontag steigen Hunderte Pilger von Maiori auf den Berg, oben wird zu einem Dutzend Trommeln getanzt.
Von Caruso bis Pino Daniele
Die canzone napoletana ist nie ganz Folklore und nie ganz Pop. Sie wurde von Caruso und Pavarotti gesungen und von Elvis Presley adaptiert — It's Now or Never ist ’O sole mio mit neuem Text. Und sie hat eine moderne Linie: Pino Daniele verband ab 1977 (Napule è) neapolitanische Sprache mit Blues, Jazz und Funk und machte daraus den Sound des „Neapolitan Power“. In Sorrent und an der Amalfiküste hört man das alte Repertoire an Sommerabenden noch live — mal kitschig, mal überraschend gut.


