Zum Inhalt springen
Geschichte

Die Seerepublik Amalfi

Zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert war Amalfi eine der vier großen Seerepubliken Italiens — mit Handelsstützpunkten bis Konstantinopel und Alexandria.

8 Min. LesezeitAktualisiert 5. Juli 2026

Amalfi war die früheste der vier großen italienischen Seerepubliken — vor Pisa, Genua und Venedig. 839 löste sich die Stadt von der langobardischen Herrschaft Benevents und regierte sich fortan selbst, formal unter byzantinischer Oberhoheit, faktisch unabhängig. Ab dem 10. Jahrhundert standen Dogen an der Spitze — eingesetzt wurden sie nicht in Amalfi, sondern im Nachbarort Atrani: In der Kirche San Salvatore de' Birecto erhielten sie die namensgebende Dogenmütze, das birecto.

Handel zwischen Byzanz und dem Orient

Im 10. und 11. Jahrhundert unterhielt Amalfi Handelsniederlassungen in Konstantinopel, Antiochia, Jerusalem, Alexandria und Tunis. Amalfitanische Schiffe brachten Gewürze, Seide und Goldarbeiten nach Westen und machten die Stadt zum Bindeglied zwischen Byzanz, der islamischen Welt und dem lateinischen Europa. Wie groß Amalfi damals war, ist unsicher: Oft werden 50.000 bis 70.000 Einwohner genannt — belegen lässt sich das nicht, und für die enge Felsschlucht wäre es enorm. Vermutlich zählt die Zahl das ganze Herzogtum an der Küste mit.

Tabula Amalphitana: Seerecht aus Amalfi

Aus der Blütezeit stammt die Tabula Amalphitana, das amalfitanische Seerecht: 66 Artikel zu Fracht, Haftung und Heuer, deren älteste Teile ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Bis ins 16. Jahrhundert wurde das Regelwerk im Mittelmeerraum angewendet. Die mittelalterliche Handschrift ist heute im Museum im Arsenale von Amalfi ausgestellt. In dieselbe Epoche fällt die Papierherstellung, die über arabische Vermittlung in die Valle dei Mulini kam.

Flavio Gioia und der Kompass: eine Legende

Am Hafen steht eine Statue des Flavio Gioia, der um 1300 den Schiffskompass erfunden haben soll. Nur: Die Person ist historisch nicht belegt und hat vermutlich nie existiert — der Name geht wohl auf eine missverständlich gesetzte Kommastelle in einem Text des 16. Jahrhunderts zurück. Der Kompass selbst war im Mittelmeer damals längst in Gebrauch. Plausibel ist allenfalls, dass amalfitanische Seeleute ihn verbesserten, etwa durch die Verbindung von Magnetnadel und Windrose im geschlossenen Gehäuse. Die Amalfitaner feiern ihren Erfinder trotzdem — die Legende gehört inzwischen selbst zur Stadtgeschichte.

Niedergang: Normannen, Pisa und das Seebeben von 1343

Das Ende der Unabhängigkeit kam 1073 mit der normannischen Eroberung durch Robert Guiskard; 1131 wurde Amalfi endgültig in das normannische Königreich Sizilien eingegliedert. Pisa plünderte die Stadt 1135 und 1137. Den härtesten Schlag setzte die Natur: In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1343 zerstörte ein Seebeben mit Flutwelle den Hafen und Teile der Unterstadt — der Dichter Petrarca erlebte den Sturm in Neapel mit und beschrieb ihn in einem Brief an Kardinal Giovanni Colonna. Aus der Handelsmetropole wurde der kleine Ort, den wir heute kennen.

Was von der Seerepublik zu sehen ist

Der Dom von Amalfi erzählt am direktesten aus der großen Zeit: Sein Bronzeportal wurde um 1060 in Konstantinopel gegossen, seit 1208 ruhen in der Krypta die Reliquien des Apostels Andreas, die Kardinal Pietro Capuano aus Konstantinopel brachte — gefeiert bei der Festa di Sant'Andrea. Daneben lohnen der Chiostro del Paradiso und das Arsenale am Ortseingang. Und einmal im Jahr tritt Amalfi bei der Regata delle Antiche Repubbliche Marinare gegen Pisa, Genua und Venedig an.