Amalfi gilt als älteste der vier großen italienischen Seerepubliken, älter als Pisa, Genua und Venedig. Rund zweieinhalb Jahrhunderte lang, von 839 bis zur normannischen Eroberung 1073, regierte sich die Stadt selbst, prägte eigene Goldmünzen und unterhielt Handelsniederlassungen von Konstantinopel bis Kairo. Was davon belegt ist, was Legende, und warum die enge Felsschlucht an der Küste heute so gar nicht nach Handelsmetropole aussieht: eine Chronologie in sechs Phasen.
839–958: Von der byzantinischen Küstenstadt zum Herzogtum
Amalfi war seit dem 6. Jahrhundert ein byzantinischer Außenposten am Rand des langobardischen Fürstentums Benevent. 838 nahm Fürst Sicard von Benevent die Stadt ein und siedelte einen Teil der Bewohner nach Salerno um; nach seiner Ermordung 839 kehrten sie zurück und übernahmen die Selbstverwaltung. Die Tradition datiert das auf den 1. September 839, den Jahresbeginn des byzantinischen Kalenders, den Amalfi und Atrani bis heute als „Capodanno Bizantino“ feiern. Formal blieb die Stadt unter byzantinischer Oberhoheit, faktisch regierten gewählte Präfekten, später Richter. 958 nahm Sergius I. den Titel dux an; die Amalfitaner nannten ihre Herrscher wie in Venedig „Dogen“, obwohl das Amt rasch erblich wurde. Eingesetzt wurden die Dogen nicht in Amalfi, sondern im Nachbarort Atrani: Im Vorhof der Kirche San Salvatore de' Birecto erhielten sie Mantel und Dogenmütze, das birecto, das der Kirche den Namen gab.
Den Höhepunkt der Macht markiert Manso I.: 981 riss er das Fürstentum Salerno an sich und ließ sich von Kaiser Otto II. als Fürst bestätigen, konnte sich dort aber nur zwei Jahre halten. Dauerhafter war ein anderer Erfolg: 987 erhob Papst Johannes XV. Amalfi zum Erzbistum, ein Rang, den die Stadt bis heute trägt.
10.–11. Jahrhundert: Handel zwischen Byzanz und dem Orient
Amalfis Geschäftsmodell war die Vermittlung: Die Stadt hatte kaum Hinterland, aber Schiffe, Kapital und gute Beziehungen zu beiden Seiten des Mittelmeers — zum byzantinischen Kaiser wie zu den fatimidischen Kalifen in Kairo. Amalfitanische Kaufleute saßen im 10. und 11. Jahrhundert in Konstantinopel, Durazzo, Antiochia, Jerusalem, Alexandria und Tunis; für Kairo ist eine Niederlassung 996 belegt. Sie brachten Holz, Getreide, Wein und Leinen nach Osten und Gewürze, Seide, Gold- und Elfenbeinarbeiten zurück. Der arabische Geograf Ibn Hauqal beschrieb Amalfi 977 als die wohlhabendste und vornehmste Stadt des langobardischen Südens.
Wie reich einzelne Familien wurden, zeigt der Kaufmann Pantaleone aus dem Geschlecht der Comite Maurone: Er ließ 1057 in Konstantinopel das Bronzeportal des Amalfitaner Doms gießen. Nach diesem Vorbild bestellte die Familie weitere Türen für Montecassino (1066, gestiftet von Pantaleones Vater Mauro), für San Paolo fuori le Mura in Rom und für Monte Sant'Angelo auf dem Gargano. In Jerusalem gründeten amalfitanische Kaufleute vor 1071 ein Hospiz für Pilger, die Keimzelle des Johanniterordens; wie weit Mauro selbst daran beteiligt war, ist offen. Wie groß die Stadt damals war, bleibt unsicher: Genannt werden oft 50.000 bis 70.000 Einwohner, doch das ist keine Quellenangabe, sondern eine späte Schätzung, und für die enge Felsschlucht wäre sie enorm. Wenn überhaupt, meint die Zahl das ganze Herzogtum von Cetara bis Positano samt Capri und den Bergorten Scala, Ravello und Tramonti.
Tarì und Tavole Amalfitane: Geld und Recht
Um das Jahr 1000 begann Amalfi, eigene Goldmünzen zu prägen: den Tarì, einen Viertel-Dinar von rund einem Gramm nach fatimidischem Vorbild, oft mit pseudo-arabischer Umschrift. Im lateinischen Westen, der sonst in Silber rechnete, war das ungewöhnlich, und der Tarì wurde im gesamten Mittelmeerraum als Zahlungsmittel angenommen. Die Münzstätte arbeitete bis 1220, als Friedrich II. sie schließen ließ.
Aus derselben Epoche stammt das amalfitanische Seerecht, die Tabula Amalphitana oder Tavole Amalfitane: 66 Kapitel, davon 21 lateinische aus dem 11. Jahrhundert und 45 später ergänzte in der Volkssprache des 13. Jahrhunderts. Geregelt sind Fracht und Haftung, Lohn und Anteile der Mannschaft, Havarie und Seeraub, vor allem aber die Finanzierung von Fahrten über commenda und colonna, also Formen der Kapitalbeteiligung, bei denen Geldgeber an Land und Seeleute an Bord Gewinn und Risiko teilten. Das Regelwerk galt bis ins 16. Jahrhundert als Referenz im Mittelmeer. Das mittelalterliche Original ist verloren; die in Amalfi ausgestellte Handschrift ist eine Abschrift des 17. Jahrhunderts, der sogenannte Codice Foscariniano, den der italienische Staat 1929 in Wien erwarb.
Flavio Gioia und der Kompass: eine Legende, ehrlich eingeordnet
Am Hafen, auf der Piazza Flavio Gioia, steht das Denkmal des Mannes, der um 1300 den Schiffskompass erfunden haben soll. Die Person ist historisch nicht belegt. Der Name entstand aus einem Lesefehler: Der Humanist Giovan Battista Pio schrieb 1511, in Amalfi sei der Gebrauch des Magneten erfunden worden, „wie von Flavio überliefert“ — gemeint war der Chronist Flavio Biondo als Gewährsmann, nicht ein Erfinder namens Flavio. Spätere Autoren machten daraus einen Seefahrer und gaben ihm den Nachnamen Gioia. Der Kompass selbst war im Mittelmeer schon Ende des 12. Jahrhunderts bekannt und stammt letztlich aus China. Plausibel ist allenfalls, dass Seeleute der Küste ihn verbesserten: Magnetnadel und Windrose auf einem Zapfen im geschlossenen Gehäuse, die „trockene“ Bussole. Belegen lässt sich auch das nicht. Die Statue von Alfonso Balzico, 1900 auf der Weltausstellung in Paris gezeigt, wurde 1926 in Amalfi eingeweiht. Die Legende gehört inzwischen selbst zur Stadtgeschichte.
1073–1137: Normannen und Pisa
Das Ende der Unabhängigkeit kam schrittweise. 1073 unterwarf sich Amalfi dem Normannen Robert Guiskard, der zugleich Salerno bedrängte; die Dogen blieben zunächst als Statthalter im Amt. 1096 erhob sich die Stadt, hielt einige Jahre stand und wurde bis 1101 wieder unterworfen. Endgültig war die Eingliederung 1131, als Roger II. den letzten Widerstand brach und Amalfi in sein neues Königreich Sizilien einfügte. Der Handel lief zunächst weiter, doch die Konkurrenz aus dem Norden nutzte die Schwäche: 1135 und 1137 plünderte Pisa die Stadt, die Flotte war verloren, und mit den Kreuzfahrerstaaten verschob sich der Levantehandel zu Pisa, Genua und Venedig. Amalfitanische Kaufleute blieben aktiv, jetzt aber im Dienst der Könige und immer öfter aus Ravello und Scala. Ravello hatte sich 1086 ein eigenes, direkt Rom unterstelltes Bistum gesichert, Scala war ebenfalls Bischofssitz; Familien aus beiden Orten stiegen unter Normannen, Staufern und Anjou als Finanziers auf. Mehr zum Hintergrund unter Normannen und Staufer.
1343: Das Seebeben und das Ende der Hafenstadt
Den letzten Schlag versetzte die Natur. In der Nacht zum 25. November 1343 erschütterte ein Erdbeben den Golf von Neapel, und eine Flutwelle zerstörte die Häfen von Neapel und Amalfi. Francesco Petrarca, als Gesandter Papst Clemens' VI. in Neapel, wurde vom Beben aus dem Schlaf gerissen und beschrieb die Katastrophe in einem Brief an Kardinal Giovanni Colonna. Als Ursache diskutiert die Forschung neben einem Seebeben inzwischen auch einen Flankenkollaps des Stromboli. In Amalfi versank der Hafen samt Teilen der Unterstadt im Meer; vom dreischiffigen Arsenale sind seither nur zwei Schiffe erhalten. Wenige Jahre später kam die Pest, 1544 der Überfall des Korsaren Barbarossa mit 154 Schiffen. Aus der Handelsmetropole wurde der kleine Ort, den man heute kennt; einen brauchbaren Hafen hatte Amalfi erst im 20. Jahrhundert wieder.
Nachleben: Regatta, Papier und ein neuer Mythos
Vergessen wurde die Seerepublik nie, aber neu erfunden wurde sie im 19. und 20. Jahrhundert. Der Sammelbegriff „Repubbliche Marinare“ für Amalfi, Pisa, Genua und Venedig stammt aus der Zeit der italienischen Einigung, als das junge Königreich ein Seefahrer-Erbe suchte. 1955 wurde in Amalfi die Regata delle Antiche Repubbliche Marinare gegründet; das erste Rennen fand 1956 in Pisa statt, und seither rudert Amalfi in Blau. Der historische Umzug davor spielt die Hochzeit von Sergio, dem ältesten Sohn des Dogen Giovanni I., mit Maria, der Tochter des Fürsten von Capua und Benevent, um das Jahr 1000 nach. Handfester ist ein anderes Erbe: Die Papierherstellung, über arabische Handelskontakte in die Valle dei Mulini gekommen, überlebte den Niedergang der Flotte um Jahrhunderte und wird im Museo della Carta gezeigt.
Was man heute noch sieht
Der Dom von Amalfi erzählt am direktesten aus der großen Zeit: das Bronzeportal von 1057 aus Konstantinopel, der Glockenturm mit seiner maurisch anmutenden Majolika-Krone und in der Krypta seit dem 8. Mai 1208 die Reliquien des Apostels Andreas, die Kardinal Pietro Capuano aus dem eroberten Konstantinopel brachte. Der Chiostro del Paradiso (1266–1268) mit seinen verschlungenen Spitzbögen war der Friedhof der Kaufmannsfamilien. Am westlichen Ortseingang steht das Arsenale, eine der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Schiffswerften Italiens. In Atrani ist San Salvatore de' Birecto der Krönungsort der Dogen; in Scala und Ravello, etwa an der Villa Rufolo als Palast einer Kaufmannsfamilie, sieht man, wohin das Geld nach 1131 floss.
Typische Missverständnisse
„Republik“: Amalfi war ein Herzogtum, regiert von Dogen aus wenigen Familien, also keine Republik im heutigen Sinn. Der Begriff meint Selbstverwaltung ohne fremden Landesherrn, nicht eine Verfassung.
„Die vier Seerepubliken“: Es gab mehr, etwa Gaeta, Ancona, Noli und Ragusa (Dubrovnik). Die Vierzahl folgt der Regatta und dem Wappen der italienischen Marine, nicht der mittelalterlichen Wirklichkeit.
„Untergang durch die Welle“: Der wirtschaftliche Abstieg begann schon mit Normannen und Pisa im 12. Jahrhundert; 1343 beendete nur, was längst im Gang war.
„Amalfi war eine Großstadt“: Die Bevölkerungszahlen sind Schätzungen ohne Quellenbasis; die Stadt selbst war immer klein, ihr Reichtum lag in Schiffen und Kontoren anderswo.
Häufige Fragen zur Seerepublik Amalfi
- War Amalfi wirklich eine Republik?
Nicht im heutigen Sinn. Amalfi war von 839 an ein selbstverwaltetes, ab 958 von Dogen regiertes Herzogtum unter nomineller byzantinischer Oberhoheit. „Seerepublik“ ist ein Sammelbegriff des 19. Jahrhunderts für die italienischen Hafenstädte, die ohne fremden Landesherrn Handel und Flotte selbst kontrollierten.
- Hat Amalfi den Kompass erfunden?
Nein. Der Kompass stammt aus China und war im Mittelmeer schon Ende des 12. Jahrhunderts bekannt. Der angebliche Erfinder Flavio Gioia geht auf einen Lesefehler eines Textes von 1511 zurück und hat vermutlich nie existiert. Möglich ist, dass Seeleute der Küste die Bauform verbesserten, doch auch dafür fehlt ein Beleg.
- Was sind die Tavole Amalfitane?
Das amalfitanische Seerecht: 66 Kapitel zu Fracht, Haftung, Mannschaftslohn und Kapitalbeteiligung, die ältesten aus dem 11. Jahrhundert. Es galt bis ins 16. Jahrhundert als Referenz im Mittelmeer. Ausgestellt ist im Arsenale von Amalfi eine Abschrift des 17. Jahrhunderts, das Original ist verloren.
- Wann und warum ging die Seerepublik Amalfi unter?
In Etappen: 1073 Unterwerfung unter den Normannen Robert Guiskard, 1131 endgültige Eingliederung ins Königreich Sizilien, 1135 und 1137 Plünderungen durch Pisa. Das Seebeben vom 25. November 1343 zerstörte schließlich den Hafen und beendete die Schifffahrt in größerem Maßstab.
- Wo sieht man heute noch etwas von der Seerepublik?
Im Dom von Amalfi (Bronzeportal von 1057, Reliquien des heiligen Andreas seit 1208), im Chiostro del Paradiso, im Arsenale mit dem Museo della Bussola, in Atrani an der Krönungskirche San Salvatore de' Birecto sowie in Scala und Ravello, wohin die Kaufmannsfamilien nach 1131 zogen.









