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Geschichte

Normannen und Staufer in Salerno

Zwischen der normannischen Eroberung 1076/77 und dem Ende der Staufer 1266/68 wurde Salerno Herzogsresidenz, Papstgrab und Sitz der ältesten Medizinschule Europas, bevor Heinrich VI. es 1194 verwüsten ließ. Chronologie, Folgen für die Amalfiküste und was davon heute zu sehen ist.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 27. September 2026

Zwischen der normannischen Eroberung 1076/77 und dem Ende der Staufer 1266/68 liegen knapp zwei Jahrhunderte, die Salerno und die Amalfiküste stärker geprägt haben als jede Epoche danach. Der Dom mit dem Grab eines Papstes, der Ruf der ältesten Medizinschule Europas, die Kaufmannspaläste von Ravello, die maurisch anmutenden Glockentürme der Küste: Fast alles, was heute als „mittelalterlich“ gilt, entstand unter Normannen, Staufern oder in den ersten Jahrzehnten der Anjou. Es folgt die Chronologie in Phasen, jeweils mit dem, was sie konkret für Salerno und die Küste bedeuteten.

Ausgangslage: das langobardische Salerno

Vor den Normannen war Salerno seit dem 9. Jahrhundert Hauptstadt eines eigenen langobardischen Fürstentums. Fürst Arechi II. hatte die Stadt schon im 8. Jahrhundert zur Residenz ausgebaut und die Höhenburg über der Stadt (das heutige Castello di Arechi) auf byzantinischem Kern verstärkt. 954 kamen die Reliquien des Evangelisten Matthäus in die Stadt, der seither ihr Patron ist. Schon damals hatte Salerno einen Namen als Ort der Heilkunde: Die Schule von Salerno ist älter als jede normannische Gründung. Das benachbarte Amalfi war dagegen ein eigenständiges Herzogtum mit Niederlassungen bis Konstantinopel und Kairo, eine Seerepublik, die mit Salerno konkurrierte, statt ihm zu gehorchen.

Die Normannen kommen (1016–1130)

Die ersten Normannen tauchten um 1016/17 in Süditalien auf, als Pilger zum Michaelsheiligtum am Gargano und als Söldner in den Kriegen zwischen Langobardenfürsten, Byzanz und den Arabern Siziliens. Aus Söldnern wurden Landesherren: 1030 erhielt Rainulf Drengot die Grafschaft Aversa als erstes normannisches Lehen, und in den folgenden Jahrzehnten stieg die Familie Hauteville zur Führungsmacht auf, allen voran Robert Guiskard, der „Schlaue“. Robert war über seine Frau Sichelgaita mit dem Fürstenhaus von Salerno verschwägert; das hielt ihn nicht davon ab, seinen Schwager Gisulf II. zu entmachten.

1073 unterwarf sich Amalfi Robert Guiskard und stellte sich unter seinen Schutz. Im Mai 1076 begann die Belagerung Salernos; am 13. Dezember 1076 fiel die Stadt, im Mai 1077 ergab sich Gisulf in der Zitadelle. Damit endeten rund 500 Jahre langobardischer Herrschaft. Salerno wurde Hauptstadt von Roberts Herzogtum Apulien und Kalabrien und blieb es bis 1130. Robert stiftete den neuen Dom, den Papst Gregor VII. 1084 weihte. Gregor, im Investiturstreit vom Kaiser aus Rom vertrieben und von Robert nach Salerno in Sicherheit gebracht, starb hier am 25. Mai 1085 und liegt bis heute im Dom begraben. Auch Roberts Sohn Roger Borsa (gest. 1111) und dessen Sohn Wilhelm (gest. 1127) fanden im Dom ihr Grab.

Mit Wilhelms kinderlosem Tod fiel das Herzogtum an den Vetter Roger II., Graf von Sizilien, der an Weihnachten 1130 in Palermo zum König gekrönt wurde. Für Salerno hieß das: Der Hauptstadtrang ging an Palermo. Die Stadt blieb eine der größten des Festlands, Residenz war sie aber nicht mehr.

Was das für die Amalfiküste bedeutete

Für die Küste war die normannische Zeit zwiespältig. Die Selbstständigkeit der Seerepublik endete 1073; Aufstände gegen die Hauteville scheiterten, der letzte um 1131 gegen Roger II. Den eigentlichen wirtschaftlichen Schlag versetzten aber nicht die Normannen, sondern Pisa, dessen Flotte Amalfi 1135 und 1137 plünderte. Der Handel ging unter normannischer Flagge weiter, doch die Zeit als eigenständige Seemacht war vorbei.

Gleichzeitig wurde gebaut wie nie. Roger Borsa erreichte 1086/87 beim Papst die Errichtung eines eigenen Bistums Ravello, ein bewusstes Gegengewicht zum Erzbistum Amalfi und ein Zeichen, wie stark die Kaufmannsfamilien von Ravello und Scala geworden waren. Der Dom von Ravello wurde 1086 begonnen; in Scala entstand im 12. Jahrhundert der Dom San Lorenzo, und Familien wie Rufolo, d'Afflitto, Rogadeo oder Muscettola ließen Kirchen und Wohnhäuser errichten, deren Spitzbögen, Kuppeln und Mosaiken arabische und byzantinische Vorbilder verarbeiten. Am Dom von Amalfi wuchs zwischen 1180 und 1276 der Glockenturm mit seiner verflochtenen Bogenkrone aus farbiger Majolika. Er ist das bekannteste Beispiel jenes „arabisch-normannischen“ Stils, der in Wahrheit Handelskontakte abbildet, nicht Herrschaft.

Die Schule von Salerno

Die Schola Medica Salernitana ist die älteste belegte medizinische Schule Europas: kein Gebäude, sondern ein Kreis von Lehrern und Praktikern, der griechische, lateinische, jüdische und arabische Tradition verband. Ihre Blüte fällt ins 11. bis 13. Jahrhundert und damit genau in die normannisch-staufische Zeit. Um 1077 kam der aus Nordafrika stammende Constantinus Africanus nach Salerno und dann nach Montecassino; seine lateinischen Übersetzungen arabischer Lehrbücher machten die arabische Medizin im Westen überhaupt erst zugänglich. Unter dem Namen der Salernitanerin Trota (Trotula) sind Schriften zur Frauenheilkunde überliefert, und das gereimte Regimen Sanitatis Salernitanum, Gesundheitsregeln in Merkversen, wurde bis in die Neuzeit europaweit gelesen.

Die Normannenkönige banden die Schule früh an den Staat: Schon Roger II. schrieb in den Assisen von Ariano (um 1140) eine Prüfung vor, bevor jemand als Arzt praktizieren durfte. Formal bestand die Schule noch Jahrhunderte weiter; erst am 29. November 1811 hob Joachim Murat sie auf.

Die Staufer (1194–1266)

1194: Heinrich VI. verwüstet Salerno

Über die Ehe Heinrichs VI. mit der Normannenerbin Konstanze von Sizilien (1186) fiel das Königreich an die Staufer, allerdings nicht kampflos: Der süditalienische Adel setzte 1190 mit Tankred von Lecce einen eigenen König ein. Heinrichs erster Feldzug scheiterte 1191 vor Neapel; Konstanze, die in Salerno zurückgeblieben war, wurde von der Stadt an Tankred ausgeliefert. Das vergaß Heinrich nicht. Nach Tankreds Tod (Februar 1194) zog er erneut nach Süden, und im September 1194 gab er Salerno zur Plünderung frei: Die Stadt wurde verwüstet, Mauern geschleift, Einwohner vertrieben. An Weihnachten 1194 ließ sich Heinrich in Palermo krönen; einen Tag später brachte Konstanze in Jesi den künftigen Friedrich II. zur Welt. Mit 1194 verlor Salerno seinen Rang als eine der ersten Städte des Königreichs, ein Bruch, von dem sich die Stadt lange nicht erholte.

Friedrich II., der „stupor mundi“

Friedrich, 1198 als Dreijähriger zum König von Sizilien gekrönt, machte Süditalien später zu einem für seine Zeit ungewöhnlich straff organisierten Verwaltungsstaat. Den Beinamen „stupor mundi“ (Staunen der Welt) gab ihm der englische Chronist Matthäus Paris nach seinem Tod 1250. 1224 gründete er in Neapel die erste staatliche Universität des Abendlands, um Juristen und Beamte im eigenen Reich auszubilden. In den Konstitutionen von Melfi (1231) regelte er die ärztliche Zulassung im Detail: drei Jahre Logik, fünf Jahre Medizin, ein Praxisjahr, dann eine Prüfung vor den Meistern von Salerno und eine königliche Lizenz. Ärzte durften keine Apotheke besitzen, Arzneipreise wurden festgelegt. Für die geplünderte Stadt bedeutete das Kontinuität: Die Medizin blieb an Salerno gebunden, während Recht und Verwaltung nach Neapel gingen.

Manfred und die Messe von Salerno

Friedrichs Sohn Manfred, ab 1258 König von Sizilien, gab Salerno ein Stück Wirtschaftskraft zurück. Auf Betreiben seines Kanzlers Giovanni da Procida, selbst Salernitaner, erhielt die Stadt 1259 das Privileg einer Handelsmesse zu den beiden Matthäusfesten im Mai und September; 1260 folgte ein neuer Hafenmolo, der bis heute Molo Manfredi heißt. Die Fiera di San Matteo zog Kaufleute aus dem ganzen Mittelmeerraum an und wurde in der Anjou-Zeit zur bedeutendsten Messe des Königreichs.

Der Übergang zu den Anjou (1266–1268)

Am 26. Februar 1266 fiel Manfred in der Schlacht bei Benevent gegen Karl von Anjou, den der Papst als neuen König ins Land geholt hatte. Der letzte Staufer, der sechzehnjährige Konradin, verlor 1268 bei Tagliacozzo und wurde am 29. Oktober 1268 auf dem Marktplatz von Neapel enthauptet. Das Zentrum des Königreichs lag nun endgültig in Neapel. Salerno wurde Provinzhauptstadt des Principato Citra und lieferte den Titel für den Thronfolger: Der spätere Karl II. trug als Erbe den Namen „Fürst von Salerno“.

Für die Amalfiküste begann mit den Anjou paradoxerweise die glanzvollste Bauphase. Die Kaufmannsfamilien von Ravello dienten den neuen Herren als Finanziers und Steuerbeamte und investierten die Gewinne zu Hause: 1272 stiftete Nicola Rufolo die marmorne Evangelienkanzel des Doms von Ravello, signiert von Nicola di Bartolomeo da Foggia; die Patrizierkirche San Giovanni del Toro wurde 1276 geweiht; in Amalfi entstand 1266–68 der Chiostro del Paradiso als Grablege der Adelsfamilien. Die Villa Rufolo mit ihrem maurischen Kreuzgang stammt aus derselben Zeit; Boccaccio machte einen Landolfo Rufolo später zur Figur des Decameron. Der Aufstieg endete 1283 abrupt, als Karl I. die Rufolo wegen Unterschlagung vor Gericht stellte.

Spuren heute

  • Dom von Salerno: Stiftung Robert Guiskards, geweiht 1084/85; Atrium mit antiken Säulen, Krypta mit den Matthäus-Reliquien, Grab Gregors VII. im rechten Seitenschiff, Grabmäler der Hauteville-Herzöge.
  • Castello di Arechi: langobardische Burg, unter Normannen, Staufern und später Aragonesen zur Festung ausgebaut. Der Blick über den Golf zeigt, warum Salerno Hauptstadt werden konnte.
  • Dom von Amalfi: normannisch-arabischer Glockenturm (1180–1276), Chiostro del Paradiso (1266–68), Bronzetür aus Konstantinopel (1057), Krypta des Apostels Andreas.
  • Ravello: Dom (gegr. 1086) mit zwei Kanzeln, der älteren Epistelkanzel um 1130 und der Rufolo-Kanzel von 1272; San Giovanni del Toro mit mosaikgeschmückter Kanzel; Villa Rufolo mit maurischem Hof und Turm.
  • Scala: Dom San Lorenzo (12. Jh.) und die Ortsteile Pontone und Minuta mit den Resten mittelalterlicher Patrizierhäuser und der Kirche Santa Maria Annunziata.
  • Museo Virtuale della Scuola Medica Salernitana in der Via Mercanti in Salerno: kleine, multimediale Einführung in die Schule (Stand: September 2026).

Typische Missverständnisse

Normannen sind keine Wikinger. Die Nordmänner, die 911 in der Normandie sesshaft wurden, waren zwei, drei Generationen später französischsprachige Christen und Ritter. Nach Süditalien kamen sie als Söldner und Landsucher aus der Normandie, nicht mit Drachenbooten aus Skandinavien.

„Arabisch-normannisch“ heißt nicht, dass Araber die Küste beherrschten. Amalfi handelte über Jahrhunderte mit Nordafrika, Sizilien und Ägypten und importierte Formen wie Spitzbogen, verflochtene Bögen und Stalaktitengewölbe. Die Normannenherrscher übernahmen diese Handwerker und Motive. Herrschaft von Muslimen gab es an der Amalfiküste nie.

Friedrich II. war kein „deutscher Kaiser“ in Salerno. Er wuchs in Palermo auf, sprach mehrere Sprachen und verbrachte den größten Teil seines Lebens im Süden; das Königreich Sizilien war sein Kernland, das Reich nördlich der Alpen sah er selten.

Die Schule von Salerno war keine Universität. Sie hatte weder Campus noch Statuten im heutigen Sinn und verlor ab dem 13. Jahrhundert an Bologna, Montpellier und Paris. Die heutige Università di Salerno (als staatliche Universität seit 1968) beruft sich auf sie, ist aber keine institutionelle Fortsetzung.

Lesetipps

Als kompakter Einstieg eignet sich Hubert Houben, „Die Normannen“ (C.H. Beck Wissen); derselbe Autor hat mit „Kaiser Friedrich II. (1194–1250). Herrscher, Mensch und Mythos“ eine ausgewogene Biografie vorgelegt. Olaf B. Rader, „Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron“ ist ausführlicher und gut lesbar. Erzählerisch angelegt sind die beiden Bände von John Julius Norwich, „Die Wikinger im Mittelmeer“ und „Die Normannen in Sizilien“ (nur noch antiquarisch). Zur Schule von Salerno gibt es auf Deutsch wenig Aktuelles; wer Italienisch liest, findet die Forschungsliteratur über die Universität Salerno, die sich der Schola Medica ausdrücklich verpflichtet sieht.

Vor Ort in einem Tag
Morgens Dom und Castello di Arechi in Salerno, mittags mit der Fähre nach Amalfi (Dom, Glockenturm, Chiostro del Paradiso), nachmittags mit dem SITA-Bus hinauf nach Ravello (Dom mit Kanzeln, San Giovanni del Toro, Villa Rufolo). So sieht man Normannen, Staufer und Anjou in chronologischer Reihenfolge.

Häufige Fragen zu Normannen und Staufern in Salerno

Waren die Normannen in Süditalien Wikinger?

Nein. Die Normannen stammten aus der Normandie, wo sich skandinavische Siedler 911 niedergelassen hatten; bis zu ihrem Auftauchen in Süditalien um 1016 waren sie längst französischsprachige Christen. Sie kamen als Söldner und Pilger, nicht als Seeräuber.

Warum ist Papst Gregor VII. in Salerno begraben?

Gregor VII. musste 1084 im Investiturstreit vor Kaiser Heinrich IV. aus Rom fliehen; Robert Guiskard brachte ihn nach Salerno. Dort weihte er den neuen Dom und starb am 25. Mai 1085. Sein Grab liegt im rechten Seitenschiff des Doms.

Was war die Schule von Salerno?

Die Schola Medica Salernitana war vom 10./11. bis 13. Jahrhundert das führende medizinische Lehrzentrum Europas. Sie verband antike, arabische und jüdische Heilkunde; Roger II. und Friedrich II. machten ihre Prüfung zur Voraussetzung für die Zulassung als Arzt. Aufgehoben wurde sie erst 1811.

Was geschah 1194 in Salerno?

Kaiser Heinrich VI. ließ Salerno im September 1194 plündern und teilweise zerstören, weil die Stadt drei Jahre zuvor seine Frau Konstanze an den Gegenkönig Tankred ausgeliefert hatte. Salerno verlor damit seinen Rang als eine der wichtigsten Städte des Königreichs.

Wo sieht man normannische und staufische Bauten an der Amalfiküste?

Am dichtesten in Ravello (Dom mit Kanzeln von 1130 und 1272, San Giovanni del Toro, Villa Rufolo), in Amalfi (Glockenturm und Chiostro del Paradiso des Doms) und in Salerno (Dom, Castello di Arechi). Scala ergänzt das mit dem Dom San Lorenzo und Resten mittelalterlicher Patrizierhäuser.