Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. begannen griechische Stadtstaaten, Kolonien an den Küsten Süditaliens und Siziliens zu gründen — die älteste auf dem italienischen Festland war Cumae bei Neapel, um 750 v. Chr. Die Region wurde so dicht besiedelt und so kulturell griechisch geprägt, dass die Römer sie später Magna Graecia — Großgriechenland — nannten.
Poseidonia, das spätere Paestum
Um 600 v. Chr. gründeten griechische Siedler aus Sybaris, einer achäischen Kolonie am Golf von Tarent, die Stadt Poseidonia in der Ebene südlich des heutigen Salerno. In den folgenden 150 Jahren entstanden die drei großen dorischen Tempel, die heute noch stehen: der Hera-Tempel I (um 550 v. Chr., lange „Basilica“ genannt), der Athena-Tempel (um 500 v. Chr., früher fälschlich als Ceres-Tempel gedeutet) und der sogenannte Neptuntempel (um 460–450 v. Chr.) — wem er tatsächlich geweiht war, ist bis heute umstritten; diskutiert werden Hera, Zeus und Apollon.
Der spektakulärste Einzelfund kam erst 1968 ans Licht: das Grab des Tauchers (um 480–470 v. Chr.), eines der ganz wenigen erhaltenen Beispiele griechischer Figurenmalerei dieser Epoche. Es ist im Museum von Paestum ausgestellt.
Lukaner und Römer
Im 4. Jahrhundert v. Chr. eroberten die italischen Lukaner die Stadt; 273 v. Chr. wurde sie römisch und bekam den lateinischen Namen Paestum. Die griechischen Tempel blieben in Funktion, das Forum und ein Amphitheater kamen dazu. Im frühen Mittelalter wurde Paestum wegen Malaria aufgegeben — und über Jahrhunderte vergessen.
Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert
Erst im Zuge der Grand Tour wurden die Tempel im 18. Jahrhundert für Europa wiederentdeckt. Goethe besuchte Paestum 1787 und schrieb in der Italienischen Reise über den Eindruck der Bauten. Bis heute gehören sie zu den am besten erhaltenen Beispielen dorischer Architektur weltweit — vollständiger als fast alles, was man in Griechenland selbst sieht.
Velia: die Stadt der Philosophen
Rund 40 Kilometer südlich von Paestum, an der Cilento-Küste bei Ascea, liegt die zweite griechische Stadt der Region: Elea, das spätere Velia, um 540 v. Chr. von Griechen aus Phokaia in Kleinasien gegründet. Berühmt wurde die Stadt nicht durch Tempel, sondern durch Köpfe: Hier lehrten Parmenides und sein Schüler Zenon — der mit den Paradoxa von Achilles und der Schildkröte. Die eleatische Schule zählt zu den einflussreichsten Strömungen der frühen griechischen Philosophie.
Die Ausgrabungen sind deutlich kleiner und stiller als Paestum; sehenswert sind vor allem die Porta Rosa, einer der ältesten erhaltenen griechischen Torbögen Italiens, und die Akropolis mit mittelalterlichem Turm. Seit 1998 gehören Paestum und Velia gemeinsam mit dem Nationalpark Cilento zum UNESCO-Welterbe. Wer ohnehin im Cilento unterwegs ist — etwa in Acciaroli —, hat es nach Velia nicht weit.





