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Geschichte

Paestum und die Magna Graecia

Um 600 v. Chr. gründeten Griechen aus Sybaris die Stadt Poseidonia in der Ebene südlich von Salerno. Ihre drei dorischen Tempel zählen bis heute zu den besterhaltenen Bauten der Magna Graecia — die Geschichte dahinter reicht von den Lukanern über Rom bis zu Goethes Besuch 1787.

10 Min. LesezeitAktualisiert am 27. September 2026

Lange bevor Rom Süditalien beherrschte, war die Küste zwischen dem Golf von Neapel und der kalabrischen Spitze griechisches Siedlungsgebiet. Die Römer nannten die Region Magna Graecia, Großgriechenland. Paestum, das griechische Poseidonia, ist ihr sichtbarstes Erbe in Kampanien: drei fast vollständig stehende dorische Tempel, eine 4,75 Kilometer lange Stadtmauer und ein Museum, in dem die einzige erhaltene griechische Figurenmalerei ihrer Zeit hängt. Dieser Artikel erzählt die Geschichte des Ortes von der Gründung bis zur Wiederentdeckung. Praktische Hinweise für den Besuch stehen auf den Seiten zu den Tempeln von Paestum und zum Ort Paestum.

Magna Graecia: Griechen an Italiens Küsten

Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten griechische Stadtstaaten Kolonien an den Küsten Süditaliens und Siziliens, aus Landnot, wegen Handelsrouten und Metallvorkommen. Die ältesten Niederlassungen lagen in Kampanien: der Handelsplatz Pithekoussai auf Ischia und, um 750 v. Chr., Cumae am Golf von Neapel, gegründet von Griechen aus Chalkis auf Euböa. Von Cumae aus entstand Parthenope und später, um 470 v. Chr., die „Neustadt“ Neapolis, das heutige Neapel. Weiter südlich folgten Sybaris, Kroton, Taras (Tarent), Lokroi und viele weitere Städte, bis die Küsten so dicht griechisch besiedelt waren, dass die Griechen selbst von Megale Hellas sprachen.

Die Bedeutung dieser Städte reicht weit über ihre Ruinen hinaus. Über Cumae gelangte das griechische Alphabet zu Etruskern und Latinern; die Tempelarchitektur, das Münzwesen, Wein- und Olivenkultur, das Theater und die Philosophie Süditaliens haben ihren Ursprung in der Magna Graecia. In Kampanien bildeten Cumae und Neapolis im Norden sowie Poseidonia und Elea (Velia) im Süden die vier griechischen Pole; die Küste dazwischen, die spätere Amalfiküste, blieb in griechischer Zeit dünn besiedeltes Hinterland.

Um 600 v. Chr.: Sybaris gründet Poseidonia

Um 600 v. Chr. legten Siedler aus Sybaris, der reichen achäischen Kolonie am Golf von Tarent, in der fruchtbaren Ebene südlich des heutigen Salerno die Stadt Poseidonia an. Sybaris kontrollierte die Landroute vom Ionischen zum Tyrrhenischen Meer und brauchte an der Westküste einen Hafen für den Handel mit den Etruskern. Die Wahl fiel auf einen leicht erhöhten Kalksteinrücken zwischen dem Fluss Sele im Norden und den Ausläufern des Cilento im Süden. Schon die Gründungsgeneration richtete an der Sele-Mündung, rund neun Kilometer nördlich der Stadt, ein Grenzheiligtum für Hera ein — das Heraion, dessen Skulpturen heute im Museum stehen.

Die Stadt war nach Poseidon benannt, doch ihre großen Tempel galten anderen Göttern. Im Süden lag das Hera-Heiligtum mit zwei Tempeln, im Norden das Athena-Heiligtum, dazwischen die Agora. In nur rund einem Jahrhundert entstanden die drei Bauten, die heute das Bild von Paestum prägen:

  • Hera-Tempel I (um 550 v. Chr.), mit ungewöhnlichen neun Säulen an der Front und einer Säulenreihe in der Mitte der Cella. Weil im 18. Jahrhundert die Giebel fehlten, hielt man ihn für ein Gerichts- und Versammlungsgebäude und nannte ihn „Basilica“, ein Name, der sich bis heute hält.
  • Athena-Tempel (um 500 v. Chr.), auf dem höchsten Punkt der Stadt. Lange als „Ceres-Tempel“ bezeichnet; erst Terrakotta-Statuetten der Athena aus dem Heiligtum klärten die Zuweisung.
  • Hera-Tempel II (um 460 v. Chr.), der größte und besterhaltene der drei, seit der Wiederentdeckung „Neptuntempel“ genannt, schlicht weil der größte Tempel einer Stadt namens Poseidonia dem Poseidon gehören musste. Die Forschung diskutiert stattdessen Hera, Zeus und Apollon; eine sichere Antwort gibt es nicht.

Die drei Tempel zeigen, wie sich der dorische Stil binnen 90 Jahren von den gedrungenen, stark geschwellten Säulen der Archaik zu den strengeren Proportionen der Klassik entwickelte. Ein solches Lehrbuch aus Stein gibt es in dieser Dichte nirgends sonst.

Das Grab des Tauchers (um 470 v. Chr.)

Der spektakulärste Fund von Paestum kam erst am 3. Juni 1968 ans Licht, als der Archäologe Mario Napoli eine kleine Nekropole rund zwei Kilometer südlich der Stadtmauer untersuchte: ein Kastengrab aus fünf bemalten Kalksteinplatten. Die vier Seitenwände zeigen ein Symposion mit Männern auf Klinen, Trinkspielen und einem Flötenspieler, die Deckplatte einen jungen Mann, der von einem Turm kopfüber ins Wasser springt. Anhand einer attischen Lekythos aus dem Grab datiert man die Anlage auf 480–470 v. Chr.

Das Grab des Tauchers gilt als das einzige erhaltene Beispiel großformatiger griechischer Figurenmalerei aus der Zeit vor dem 4. Jahrhundert v. Chr., das nicht auf Keramik überliefert ist. Der Sprung wird meist als Übergang vom Leben in den Tod gedeutet; ob dahinter orphisch-pythagoreische Jenseitsvorstellungen stehen, ist umstritten. Das Grab ist im Museum von Paestum ausgestellt und für viele der Hauptgrund für den Besuch.

Um 400 v. Chr.: Die Lukaner übernehmen

Um 400 v. Chr. gerieten die griechischen Städte der Westküste unter Druck der oskisch sprechenden Lukaner aus dem Bergland. Poseidonia fiel an sie und hieß fortan Paistom. Die Griechen verschwanden nicht; der Musiktheoretiker Aristoxenos von Tarent überliefert, die Poseidoniaten seien zu Barbaren geworden, kämen aber einmal im Jahr zusammen, um ihre alten griechischen Feste zu feiern und ihr Schicksal zu beklagen. Die Tempel blieben in Betrieb, die Stadt wuchs weiter.

Aus lukanischer Zeit stammen die ältesten Abschnitte der Stadtmauer und Hunderte bemalter Kastengräber, die heute einen eigenen Museumsflügel füllen: heimkehrende Krieger, Wagenrennen, Totenklagen und Faustkämpfe in kräftigen Farben, eine Bilderwelt, die griechische Technik mit italischer Selbstdarstellung mischt.

273 v. Chr.: Die römische Kolonie Paestum

Nach dem Sieg über König Pyrrhos gründete Rom 273 v. Chr. in der Stadt eine latinische Kolonie und gab ihr den Namen Paestum. Die Kolonie blieb Rom treu, auch als Hannibal nach Cannae durch Süditalien zog. Baulich veränderte sich das Zentrum: Über einem Teil der alten Agora entstand das Forum mit Comitium, Basilika und Tabernen, dazu ein Amphitheater aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., das im 19. Jahrhundert beim Bau der bourbonischen Straße nach Kalabrien, der späteren SS18, halbiert wurde. Die Straße läuft bis heute mittendurch. Die griechischen Tempel wurden weiter genutzt.

In dieser Zeit erhielt auch die Stadtmauer ihre heutige Gestalt: rund 4,75 Kilometer lang, mit 28 Türmen und vier Toren nach den Himmelsrichtungen (Porta Marina, Porta Aurea, Porta Sirena, Porta Giustizia), errichtet über mindestens drei Jahrhunderte auf dem lukanischen Kern. Sie zählt zu den besterhaltenen Befestigungen der Magna Graecia. Berühmt war das römische Paestum außerdem für seine zweimal jährlich blühenden Rosen, die Vergil und Ovid erwähnen.

Verfall, Malaria und das Vergessen

Der Niedergang kam schleichend. Die Flüsse der Ebene versandeten, das Land versumpfte, und mit den Sümpfen kam die Malaria. Spätestens in der Spätantike schrumpfte die Stadt auf den Bereich um den Athena-Tempel, der als Kirche weitergenutzt wurde; Paestum war inzwischen Bischofssitz. Sarazenische Überfälle im 9. Jahrhundert gaben den Rest: Die Bewohner zogen sich ins Bergland nach Capaccio Vecchio zurück, der Bischofssitz folgte. Die politischen und wirtschaftlichen Zentren der Region lagen nun in Salerno und Amalfi. Der Aufstieg der Seerepublik Amalfi fällt genau in die Jahrhunderte, in denen Paestum verschwand.

Die Tempel selbst verschwanden nie ganz. Sie standen sichtbar in der Sumpfebene, Antikes wanderte als Baumaterial nach Salerno (Säulen aus Paestum sollen im normannischen Dom verbaut worden sein), und vereinzelt notierten Reisende die Ruinen. Aber die Ebene galt als gefährlich, und über Jahrhunderte interessierte sich niemand dafür, was dort stand.

18. Jahrhundert: Wiederentdeckung und Grand Tour

Die Wiederentdeckung ist eng mit dem Straßenbau unter den Bourbonen verbunden: Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Ebene erschlossen, und Gelehrte, Architekten und Künstler folgten. Der französische Architekt Soufflot zeichnete die Tempel 1750, Winckelmann sah sie 1758 (seine erste und einzige Begegnung mit griechischer Architektur), und Piranesi hielt sie 1777 in Radierungen fest, die im Jahr darauf erschienen. Die gedrungenen, „unklassischen“ Säulen lösten eine europaweite Debatte darüber aus, ob das archaisch-dorische überhaupt schön sein könne.

Goethe besuchte Paestum am 23. März 1787 mit dem Zeichner Christoph Heinrich Kniep. In der Italienischen Reise beschreibt er, wie ihn die stumpfen, eng gedrängten Säulenmassen zunächst befremdeten, weil sein Auge auf schlankere Formen geeicht war, und wie er sich binnen einer Stunde damit befreundete. Spätestens mit diesem Bericht, gedruckt 1817, war Paestum eine feste Station der Grand Tour; Maler wie Turner und Dichter wie Shelley folgten. Bis heute gilt: Was hier steht, ist vollständiger als fast alles, was man in Griechenland selbst sieht.

Velia: die Stadt der Philosophen

Rund 40 Kilometer südlich von Paestum, an der Cilento-Küste bei Ascea, liegt die zweite griechische Stadt der Region: Elea, das spätere Velia. Griechen aus Phokaia in Kleinasien gründeten sie zwischen 540 und 535 v. Chr., nachdem sie vor den Persern geflohen und nach der Seeschlacht von Alalia aus Korsika vertrieben worden waren. Berühmt wurde die Stadt nicht durch Tempel, sondern durch Köpfe: Hier lehrten Parmenides und sein Schüler Zenon, bekannt für das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte. Die eleatische Schule zählt zu den einflussreichsten Strömungen der frühen griechischen Philosophie.

Die Ausgrabungen sind deutlich kleiner und stiller als Paestum. Sehenswert sind vor allem die Porta Rosa, ein Torbogen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., der 1964 ebenfalls von Mario Napoli freigelegt wurde und als ältester bekannter griechischer Bogen Italiens gilt, sowie die Akropolis mit mittelalterlichem Turm. Von einem Quartier im Cilento, etwa in Acciaroli, ist es nach Velia nicht weit.

Was man heute davon sieht

Das Museum von Paestum wurde 1952 eröffnet, ursprünglich für einen einzigen Fundkomplex: die Metopen des Heraions an der Sele-Mündung. Umberto Zanotti Bianco und Paola Zancani Montuoro hatten das Heiligtum zwischen 1934 und 1940 ausgegraben und rund 70 Sandsteinreliefs geborgen: ein älterer Zyklus aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. mit den Taten des Herakles und Szenen des Trojanischen Krieges, ein jüngerer mit tanzenden Mädchen. Sie hängen heute in der Höhe, in der sie am Tempel gesessen hätten.

Dazu kommen das Grab des Tauchers, die lukanischen Grabmalereien, Terrakotten aus den Heiligtümern und die Bronzegefäße aus dem unterirdischen Heiligtum an der Agora, in denen bei der Ausgrabung noch Reste von Honig lagen. Das Gelände mit Tempeln, Forum, Amphitheater und Mauerring ist so weitläufig, dass man für Museum und Ausgrabung einen halben Tag rechnen sollte. Seit 1998 stehen Paestum und Velia gemeinsam mit dem Nationalpark Cilento und Vallo di Diano und der Kartause von Padula auf der UNESCO-Welterbeliste.

Anreise von der Amalfiküste
Von Salerno fährt der Regionalzug in rund einer halben Stunde nach Paestum; vom Bahnhof sind es zehn Minuten zu Fuß bis zum Eingang. Das Ticket kostet 15 € (März–November) bzw. 10 € (Dezember–Februar), gilt drei Tage und schließt Museum und die Ausgrabungen von Velia ein (Stand: September 2026).

Lesetipps

Zum Weiterlesen: Goethes Italienische Reise, Eintrag vom 23. März 1787, ist in einer Viertelstunde gelesen und bis heute die beste Beschreibung des ersten Eindrucks. Dieter Mertens, Städte und Bauten der Westgriechen (2006), ist das Standardwerk zur Architektur der Magna Graecia. John Griffiths Pedley, Paestum: Greeks and Romans in Southern Italy (1990), erzählt die Stadtgeschichte kompakt auf Englisch; Luca Cerchiai, Lorena Jannelli und Fausto Longo, The Greek Cities of Magna Graecia and Sicily (2004), ordnen Paestum und Velia in das Gesamtbild der Kolonien ein.

Häufige Fragen zu Paestum und der Magna Graecia

Wer hat Paestum gegründet?

Griechische Siedler aus Sybaris, einer achäischen Kolonie am Golf von Tarent, gründeten die Stadt um 600 v. Chr. unter dem Namen Poseidonia. Um 400 v. Chr. übernahmen die Lukaner die Stadt, 273 v. Chr. wurde sie römische Kolonie und erhielt den Namen Paestum.

Was bedeutet Magna Graecia?

Magna Graecia, also Großgriechenland, war der römische Name für die griechisch besiedelten Küsten Süditaliens und Siziliens. Die Griechen selbst sprachen von Megale Hellas. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Kolonien, die ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. dort entstanden — von Cumae bei Neapel bis Tarent.

Warum sind die Tempel von Paestum so gut erhalten?

Weil die Stadt im frühen Mittelalter wegen Malaria und Sarazenenüberfällen aufgegeben wurde und die Ebene über Jahrhunderte gemieden blieb. Niemand baute darüber, niemand brach die Tempel systematisch ab. Der Athena-Tempel diente zeitweise als Kirche, was ihn zusätzlich schützte.

Welchen Göttern waren die drei Tempel geweiht?

Der ältere und der jüngere Tempel im Süden gelten als Hera-Tempel I und II, der Tempel im Norden ist der Athena geweiht. Die alten Namen „Basilica“, „Neptuntempel“ und „Cerestempel“ stammen aus dem 18. Jahrhundert und sind wissenschaftlich überholt; beim Hera-Tempel II ist die Zuweisung allerdings weiterhin umstritten.

Was ist das Grab des Tauchers?

Ein 1968 südlich von Paestum entdecktes Kastengrab aus der Zeit um 480–470 v. Chr., dessen Innenseiten bemalt sind: ein Symposion auf den Wänden, auf der Deckplatte ein Mann, der ins Wasser springt. Es ist die einzige erhaltene griechische Figurenmalerei dieser Epoche außerhalb der Vasenmalerei und steht im Museum von Paestum.