Papier ist eine chinesische Erfindung, die im 8. Jahrhundert in die islamische Welt gelangte und von dort über Spanien und Sizilien nach Europa kam. Amalfi gehört zu den ersten Orten des Kontinents, an denen sie nachweisbar betrieben wurde, neben Xàtiva in Spanien und Fabriano in den Marken, mit dem sich Amalfi bis heute um den Titel der ältesten italienischen Papierstadt streitet. Die Händler der Seerepublik kannten die arabischen Werkstätten von Ägypten bis Nordafrika aus erster Hand; sie brachten nicht nur Papier als Handelsware nach Hause, sondern auch das Wissen, wie es entsteht.
Das Produkt hieß charta bambagina. Der Name geht vermutlich auf das mittellateinische bambax (Baumwolle, aus dem Griechischen) zurück, auch wenn frühe Bögen ebenso aus Leinen und Hanf bestanden. Gemeint ist Lumpenpapier: Fasern aus zerstampften Textilresten, nicht aus Holz. Das erklärt seine Eigenschaften — weich, leicht saugend, elfenbeinfarben und wegen des fehlenden Lignins erstaunlich alterungsbeständig.
Chronologie: vom Verbot zum Weltruf
Der älteste Beleg ist ausgerechnet eine Einschränkung: Kaiser Friedrich II. untersagte den Notaren des Königreichs Sizilien, öffentliche Urkunden auf charta bambagina auszustellen, weil das Material als weniger haltbar galt als Pergament. Die meisten Darstellungen ordnen die Regelung den Konstitutionen von Melfi von 1231 zu, einige nennen ein früheres Dekret von 1220. So oder so zeigt das Verbot, dass Baumwollpapier im Süden damals längst im Umlauf war; die Herkunft aus Amalfi selbst wird darin allerdings nicht genannt. Der Hintergrund der staufischen Verwaltung ist derselbe: Ein moderner Beamtenstaat brauchte Schriftgut, und je mehr davon entstand, desto größer wurde der Markt für das billigere Material.
Als frühester unmittelbarer Nachweis einer Papiermühle in Amalfi gilt eine Urkunde von 1380, in der eine bestehende Wassermühle zur Papierwerkstatt umgebaut wird. Der lateinische Text spricht von einer Einrichtung ad faciendum cartas bombicinas. Das Muster war typisch: Die Getreidemühlen am Bach Canneto existierten bereits, man musste sie nur umrüsten. Im 15. Jahrhundert wuchs das Gewerbe mit dem Bedarf an Akten, Registern und Kaufmannsbüchern; aus dieser Zeit stammen die ältesten Wasserzeichen der Familie Amatruda mit dem Schriftzug „Amatrulo“ und den drei Lilien des Hauses Anjou. Die Familie stellte also schon unter den Anjou-Königen Papier her.
Warum gerade Amalfi?
Drei Dinge mussten zusammenkommen, und in Amalfi lagen sie auf engstem Raum beieinander. Erstens Wasser mit Gefälle: Der Canneto stürzt aus den Lattari-Bergen durch das enge Valle dei Mulini hinunter zum Meer und lieferte gleichzeitig Antriebskraft für die Räder, Prozesswasser für den Faserbrei und klares Spülwasser, das helle Bögen ergab. Zweitens Handel: Der Hafen am Talausgang verband die Werkstätten direkt mit den Abnehmern in Neapel, Rom und im ganzen Mittelmeer. Drittens Rohstoff: Eine Seefahrer- und Handelsstadt hat Segeltuch, Taue und Kleidung im Überfluss, und genau diese Lumpen aus Hanf, Leinen und Baumwolle waren die Grundlage des Papiers. Lumpensammler zogen durch Amalfi und die Nachbarorte und sicherten den Mühlen den Nachschub.
Vom Lumpen zum Bogen: das Verfahren Schritt für Schritt
Das historische Verfahren ist im Kern bis heute unverändert und lässt sich im Museo della Carta an originalen Maschinen nachvollziehen:
- Sortieren und Einweichen. Die Lumpen wurden nach Farbe und Faser sortiert, von Nähten und Knöpfen befreit, zerschnitten und tagelang in Wasser eingeweicht, bis die Fasern zu faulen und sich zu lösen begannen.
- Stampfen. In steinernen Trögen, den pile, zerschlugen wassergetriebene Holzhämmer (magli) mit eisernen Nagelköpfen die Lumpen zu Faserbrei. Das Wasserrad (rotone) trieb über eine Nockenwelle (fuso) ganze Reihen solcher Hämmer an; der Lärm im Tal muss ohrenbetäubend gewesen sein. Eine Mühle wurde nach der Zahl ihrer Stampfwerke bemessen; um 1700 zählte man in Amalfi elf Mühlen mit insgesamt 83 pile.
- Schöpfen. Der verdünnte Faserbrei kam in den gemauerten Bottich (tino). Der Schöpfer tauchte die forma ein (einen Holzrahmen mit einem feinen Drahtgeflecht aus Messing oder Bronze), hob sie waagerecht heraus und ließ das Wasser ablaufen. Ein eingelötetes Drahtmotiv im Sieb hinterließ eine dünnere Stelle im Bogen: das Wasserzeichen, zugleich Marke und Herkunftsnachweis der Mühle.
- Gautschen und Pressen. Der feuchte Bogen wurde auf ein Filztuch (feltro) gestürzt, Bogen und Filz wechselten sich zu einem Stapel ab, und eine hölzerne Spindelpresse (torchio) drückte das Wasser heraus.
- Trocknen. Die Bögen wanderten in den spandituro, den luftigen Dachboden der Mühle, wo sie an Schnüren oder über Stangen hängend im Durchzug trockneten.
- Leimen und Glätten. Damit die Tinte nicht ausläuft, wurden die Bögen in eine Lösung aus tierischer Gelatine getaucht, erneut getrocknet und anschließend von Hand geglättet, sortiert und zu Ries gebündelt.
Ab dem 18. Jahrhundert ersetzte in vielen Mühlen der aus den Niederlanden stammende Holländer, eine Walzenmaschine mit Messern, die Hammerwerke; er zerfaserte schneller und gleichmäßiger, verlangte aber mehr Kapital und mehr Wasser.
Blütezeit im 18. Jahrhundert
Das 18. Jahrhundert war die große Zeit des Amalfitaner Papiers. Zeitgenössische Beschreibungen zählen Ende des Jahrhunderts 16 Mühlen im Valle dei Mulini (andere Zählungen nennen 13), dazu weitere Betriebe an den Bächen von Minori, Maiori und Tramonti. Familien wie Amatruda, Bonito, Cimino, Lucibello, Taiano und Torre betrieben zusammen ein Dutzend Mühlen mit rund 125 Stampfwerken und erzielten daraus jährliche Nettoerträge von über 1.450 Dukaten — für eine Kleinstadt ein bedeutender Wirtschaftszweig. Die Bögen gingen nach Neapel, in die Kanzleien des Königreichs und über See; neben Fischerei und Zitronenanbau war das Papier eine der tragenden Erwerbsquellen der Küste.
Niedergang: Industrie, Transport und das Unwetter von 1954
Der Abstieg begann mit der Industrialisierung. Papiermaschinen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch Holzschliff und Zellstoff, machten Lumpenpapier zur teuren Nische. Die Umstellung auf Maschinen erforderte Kapital, das die Amalfitaner Familienbetriebe kaum aufbringen konnten; hinzu kamen die enge Tallage ohne Erweiterungsmöglichkeit, Wassermangel in trockenen Sommern und vor allem die katastrophale Verkehrsanbindung: Bis zum Bau der Küstenstraße mussten Rohstoffe und Fertigware über Maultierpfade oder per Boot bewegt werden. Um 1861 zählte die ganze Küste zwar noch 38 Papiermühlen, doch viele davon waren kleine, veraltete Werkstätten.
Als Schlusspunkt gilt das Unwetter vom 25./26. Oktober 1954, das mit Sturzfluten und Erdrutschen die Küste zwischen Vietri, Maiori, Tramonti und Cava heimsuchte und über 300 Menschen tötete. In der Amalfitaner Überlieferung heißt es, von 16 Mühlen im Valle dei Mulini seien danach nur noch drei betriebsfähig gewesen; andere Darstellungen betonen, dass der Hauptschaden die Mühlen in Maiori und Tramonti traf und in Amalfi selbst mehrere Betriebe noch bis in die 1960er-Jahre weiterliefen. Sicher ist das Ergebnis: Die Familie Imperato verlagerte ihre Produktion nach Palermo, Nicola Milano schloss 1969 die letzte seiner drei Mühlen und übergab sie der Stiftung des heutigen Papiermuseums. Nur die Familie Amatruda blieb.
Amalfi-Papier heute
Die Cartiera Amatruda steht unmittelbar über dem Canneto am oberen Ende der Via delle Cartiere; das älteste Geschoss des Gebäudes stammt aus dem 15. Jahrhundert. Dort wird weiter Bogen für Bogen von Hand geschöpft, heute aus reiner Baumwolle beziehungsweise chlorfrei gebleichtem Zellstoff, säurefrei und mit Wasserzeichen. Die Produktpalette reicht von Brief- und Zeichenpapier über Visitenkarten bis zu Hochzeitspapeterie; dazu kommt eine kleine Auflage mit dem Wasserzeichen des Vatikanstaats, die für die päpstliche Korrespondenz bestimmt ist. Auch Faksimile-Editionen des Vatikanischen Geheimarchivs wurden auf Amatruda-Papier gedruckt. Amalfi-Papier ist damit kein Museumsstück, sondern ein lebendes Handwerk mit einer sehr kleinen Produktion.
Für die Geschichte im Original gibt es zwei Adressen. Das Museo della Carta in der ehemaligen Mühle der Familie Milano zeigt Wasserrad, Hammerwerk, Holländer, Schöpfbottich und Presse in Funktion; die Führung endet damit, dass man selbst einen Bogen schöpft (Eintritt wenige Euro, Details im Museumsbeitrag; Stand: September 2026). Weiter talaufwärts liegen die verlassenen Mühlen der Blütezeit: mehrgeschossige Ruinen mit Bogenfenstern, eingestürzten spandituri und den Kanälen, die einst das Wasser zu den Rädern führten, heute überwuchert von Farnen und Zitronenterrassen. Route und Hinweise stehen im Beitrag zum Valle dei Mulini.
Häufige Fragen zur Papierherstellung in Amalfi
- Was ist Carta Bambagina?
Die historische Bezeichnung für das Amalfitaner Lumpenpapier. Der Name leitet sich vermutlich vom mittellateinischen bambax (Baumwolle) ab; hergestellt wurde es aus zerstampften Lumpen aus Baumwolle, Leinen und Hanf. Heute heißt das Produkt meist Carta di Amalfi.
- Seit wann wird in Amalfi Papier hergestellt?
Sicher belegt ist die Produktion ab dem 13. Jahrhundert; ein Verbot Friedrichs II., Urkunden auf Baumwollpapier auszustellen, zeigt, dass es damals längst verbreitet war. Die älteste Urkunde über eine Papiermühle im Valle dei Mulini stammt von 1380. Lokale Darstellungen setzen den Beginn bereits ins 12. Jahrhundert.
- Warum gerade Amalfi?
Weil hier drei Voraussetzungen zusammenkamen: das Gefälle und klare Wasser des Canneto für die Mühlräder, ein Hafen für den Absatz und reichlich Lumpen aus Segeltuch, Tauwerk und Kleidung einer Seefahrerstadt. Dazu kannten die Amalfitaner Händler die arabischen Papierwerkstätten aus eigener Anschauung.
- Wo kann man Amalfi-Papier kaufen?
Im Shop des Museo della Carta, direkt bei der Cartiera Amatruda am oberen Ende der Via delle Cartiere sowie in den Schreibwaren- und Souvenirläden der Altstadt, von der einzelnen Büttenkarte bis zum gebundenen Notizbuch. Echte Bögen erkennt man am Wasserzeichen und am unregelmäßigen Büttenrand.
- Kann man die alten Papiermühlen besichtigen?
Ja. Das Museo della Carta zeigt eine funktionierende historische Mühle mit Führung. Die Ruinen der übrigen Mühlen liegen frei zugänglich entlang des Wanderwegs durch das Valle dei Mulini oberhalb von Amalfi, sind aber nicht gesichert und sollten nicht betreten werden.





