Die Grand Tour war vom 17. bis ins 19. Jahrhundert die Bildungsreise junger Europäer — erst Adliger, später auch Bürgerlicher — nach Italien. Standardroute: Venedig, Florenz, Rom, Neapel. Dass es viele noch weiter nach Süden zog, hatte einen konkreten Auslöser: die Ausgrabungen von Herculaneum (ab 1738) und Pompeji (ab 1748). Die Antike lag plötzlich nicht mehr nur in Büchern, sondern im Boden Kampaniens — und wer schon einmal in Neapel war, nahm oft auch Paestum und die Amalfiküste mit. Diese Reisen formten das mitteleuropäische Italienbild stärker, als es jeder Reiseführer heute könnte.
Goethe in Paestum (1787)
Goethe erreichte Paestum am 23. März 1787. In der Italienischen Reise notiert er seine erste Reaktion auf die dorischen Tempel erstaunlich ehrlich: Die „stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen“ erschienen ihm „lästig, ja furchtbar“ — ein Auge, das an schlankere Baukunst gewöhnt war, musste sich erst umstellen. Kaum eine Stunde später, schreibt er, habe er sich mit den Tempeln angefreundet. Diese offene Selbstkorrektur markiert einen Wendepunkt im Geschmack der Epoche: Das archaische Dorisch, lange als roh abgetan, wurde zum Ideal. Die drei Tempel, vor denen Goethe stand, sind heute als Tempel von Paestum zu besichtigen — mehr zur griechischen Vorgeschichte im Artikel über Paestum und Großgriechenland.
Ibsen in Amalfi (1879)
Henrik Ibsen verbrachte den Sommer 1879 in Amalfi, im Luna Convento — einem zum Hotel umgebauten Kapuzinerkloster auf der Klippe östlich des Ortes. Hier schrieb er an Nora oder Ein Puppenheim und schickte das fertige Manuskript von Amalfi aus an seinen Kopenhagener Verleger. Im Dezember 1879 erschien das Stück, wurde in Kopenhagen uraufgeführt und binnen weniger Monate zum Welterfolg. Das Hotel existiert bis heute und pflegt die Erinnerung an seinen berühmtesten Gast.
Ravello: Wagner, Grieg und der Klingsor-Garten
Am 26. Mai 1880 besuchte Richard Wagner die Villa Rufolo in Ravello, während er am Parsifal arbeitete — und erkannte im Garten das Vorbild für Klingsors Zaubergarten aus dem zweiten Akt. Sinngemäß notierte er, der Zaubergarten sei gefunden. An diesen Besuch knüpft seit 1953 das Ravello Festival an, dessen Bühne bis heute im Garten der Villa steht. Edvard Grieg folgte 1884, später kamen unter anderem D. H. Lawrence und André Gide. 1904 kaufte der englische Politiker Ernest Beckett die verfallene Villa Cimbrone und ließ den englisch-romantischen Garten mit der Terrazza dell'Infinito anlegen — Ravello wurde vom Grand-Tour-Abstecher zum festen Refugium der europäischen Kulturszene.
Escher und Steinbeck: der lange Nachhall
Die Grand Tour im engeren Sinn endete im 19. Jahrhundert, ihr Reiseideal wirkte weiter. M. C. Escher kam 1923 nach Ravello und lernte dort seine spätere Frau Jetta Umiker kennen; in den folgenden Jahren zeichnete er die Küste immer wieder, darunter 1931 seine bekannte Lithografie von Atrani — der Ort taucht später verwandelt in seiner Metamorphose-Serie auf. Und im Mai 1953 erschien in Harper's Bazaar John Steinbecks Essay über Positano: ein Traumort, so sinngemäß übersetzt, der nicht ganz wirklich sei, solange man dort ist, und erst nach der Abreise wirklich werde. Der Text machte das Fischerdorf international bekannt — Steinbecks halb ernste Warnung, man solle einen so schönen Ort lieber verschweigen, verhallte bekanntlich.
Was bleibt
Die Grand-Tour-Tradition hat die Amalfiküste als ästhetisches Ziel etabliert, lange bevor der Massentourismus kam. Etliche Hotels in Amalfi und Ravello gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, und das stilisierte Bild der Küste — pastellfarbene Häuser über dem Meer, Gärten, klassische Ruinen — stammt aus den Berichten und Bildern dieser Reisenden. Es prägt das Marketing der Region bis heute.








