Die Grand Tour war vom späten 17. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Bildungsreise junger Nordeuropäer mit Italien als Ziel, zuerst des britischen Adels, später auch von Bürgerlichen, Künstlern und Gelehrten. Die Standardroute führte über Paris und die Alpen nach Turin, Florenz, Venedig und Rom; Neapel war ihr südlicher Endpunkt. Dass es viele noch weiter zog, hatte einen konkreten Auslöser: die Ausgrabungen von Herculaneum (ab 1738) und Pompeji (ab 1748). Die Antike lag plötzlich nicht mehr nur in Büchern, sondern im Boden Kampaniens. Die Amalfiküste selbst war für die klassischen Grand Tourists allerdings kaum erreichbar, denn eine Küstenstraße gab es erst ab 1853. Ihre „Entdeckung“ ist eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, die Künstlerkolonien des 20. Jahrhunderts sind ihr Nachhall.
18. Jahrhundert: Neapel, Vesuv, Pompeji, Paestum
Im 18. Jahrhundert war Neapel eine der größten Städte Europas und Residenz der Bourbonen. Auf dem Programm standen Oper, Ausgrabungen und Vesuv. Der britische Gesandte Sir William Hamilton (in Neapel 1764–1800) hielt für die Reisenden offenes Haus, stieg immer wieder auf den Vulkan, schickte Berichte über die Ausbrüche von 1766 und 1767 an die Royal Society und veröffentlichte 1776 die Prachtausgabe Campi Phlegraei; zu seinen Gästen zählten der 14-jährige Mozart (1770) und Goethe (1787). Paestum, gut 40 Kilometer südlich von Salerno, kam erst spät ins Programm: Der Architekt Jacques-Germain Soufflot vermaß die Tempel 1750, Winckelmann reiste 1758, Piranesi zeichnete 1777/78 seine Radierungen. Die dorischen Tempel wurden so zum Prüfstein einer neuen Antikenbegeisterung, die nicht mehr Rom, sondern das archaische Griechenland zum Maßstab machte.
Goethe in Salerno und Paestum (1787)
Goethe erreichte Paestum am 23. März 1787, begleitet vom Zeichner Christoph Heinrich Kniep. Quartier hatten die beiden in Salerno genommen; in der Italienischen Reise heißt es, abends sei aus den Fenstern von Salerno noch ein Umriss der Landschaft aufgenommen worden. Seine erste Reaktion auf die Tempel notiert er erstaunlich ehrlich: Die „stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen“ erschienen ihm „lästig, ja furchtbar“. Ein Auge, das an schlankere Baukunst gewöhnt war, musste sich erst umstellen. Kaum eine Stunde später, schreibt er, habe er sich mit den Tempeln angefreundet. Übernachten konnte man in Paestum nicht, man kehrte nach Salerno zurück. Auf dem Rückweg aus Sizilien besuchte Goethe die Tempel am 16. Mai 1787 ein zweites Mal und nannte sie in einem Brief an Herder die „letzte und, fast möcht' ich sagen, herrlichste Idee“, die er nach Norden mitnehme. Amalfi, Ravello oder Positano hat er nie gesehen.
19. Jahrhundert: Maler, Dichter und die erste Straße
Die eigentliche Entdeckung der Amalfiküste ging von Malern aus. Carl Blechen füllte 1829 sein Amalfi-Skizzenbuch mit 66 Blättern und malte die Papiermühlen im Valle dei Mulini — nicht als Idylle, sondern als Studien über Licht und Farbe. Der amerikanische Dichter Henry Wadsworth Longfellow, 1828 auf seiner ersten Europareise in Italien, verarbeitete die Erinnerung Jahrzehnte später im Gedicht Amalfi (erschienen 1878 in Kéramos and Other Poems). Auf Capri führte der Fischer Angelo Ferraro 1826 den Dichter August Kopisch und den Maler Ernst Fries in die Blaue Grotte; Kopischs Bericht von 1838 löste einen Besucherstrom aus, der bis heute anhält. Die Infrastruktur folgte: In Amalfi wurde das Franziskanerkloster Luna Convento um 1820 zu einem der ersten Hotels der Küste, in den 1880er Jahren folgte das Kapuzinerkloster als Hotel Cappuccini. 1853 eröffnete die Küstenstraße von Vietri nach Positano (Bau 1832–1850); erst damit wurde die Küste mit der Kutsche erreichbar. Um 1900 verbrachten britische Oberschichtfamilien regelmäßig den Winter in Amalfi.
Ibsen in Amalfi (1879)
Henrik Ibsen, seit 1864 zwischen Italien und Deutschland lebend, verbrachte den Sommer 1879 im Luna Convento hoch über Amalfi. Hier vollendete er Nora oder Ein Puppenheim: Das Stück erschien am 4. Dezember 1879 in Kopenhagen in einer Auflage von 8.000 Exemplaren, die binnen eines Monats vergriffen war, und wurde am 21. Dezember 1879 am Königlichen Theater Kopenhagen uraufgeführt. Das Hotel führt Ibsen bis heute in seinen Gästebüchern, neben Wagner, Émile Zola und Simone de Beauvoir.
Ravello: Reid, Wagner und die Bloomsbury-Gäste
1851 kaufte der Schotte Francis Nevile Reid die verfallene Villa Rufolo und ließ sie samt Garten restaurieren. Damit begann Ravellos Geschichte als Refugium für Ausländer. Am 26. Mai 1880 besuchte Richard Wagner, der in der Pension Palumbo wohnte, die Villa, während er am Parsifal arbeitete, und erkannte im Garten das Vorbild für Klingsors Zaubergarten aus dem zweiten Akt. Sinngemäß hinterließ er den Satz, der Zaubergarten sei gefunden. Auch Edvard Grieg und Giuseppe Verdi zählten zu den Gästen der Villa, André Gide kam um die Jahrhundertwende. 1904 erwarb der englische Bankier und Politiker Ernest Beckett die Villa Cimbrone und baute sie mit dem Ravelleser Nicola Mansi zur Gartenanlage mit der Terrazza dell'Infinito aus; die Gartenberatung durch Vita Sackville-West ist überliefert, nicht belegt. Zwischen den Kriegen war Cimbrone Treffpunkt der Bloomsbury-Gruppe (Virginia Woolf, E. M. Forster, Keynes, Lytton Strachey), D. H. Lawrence war zu Gast, und 1938 versteckte sich Greta Garbo mit dem Dirigenten Leopold Stokowski in der Villa. Seit 1953 knüpft das Ravello Festival mit Konzerten im Garten der Villa Rufolo an Wagners Besuch an.
Capri: Krupp, Munthe und die Kolonie
Capri wurde nach Kopischs Grottenbericht zum Muster des Künstler- und Aussteigerziels. Der Industrielle Friedrich Alfred Krupp, erstmals 1898 auf der Insel, überwinterte von 1899 bis 1902 im Hotel Quisisana, finanzierte Ausgrabungen, betrieb Meeresforschung und ließ den Serpentinenweg zur Marina Piccola anlegen, die heutige Via Krupp; ein Presseskandal um sein Privatleben endete im November 1902 mit seinem Tod in Essen. Der schwedische Arzt Axel Munthe baute in Anacapri die Villa San Michele und machte sie 1929 mit The Story of San Michele (deutsch 1931) weltberühmt. Somerset Maugham, Norman Douglas und Maxim Gorki gehörten zur Kolonie der Jahrhundertwende.
20. Jahrhundert: Escher, Positano, Steinbeck
M. C. Escher lernte 1923 in Ravello die Schweizerin Jetta Umiker kennen, heiratete sie 1924 und lebte bis 1935 in Rom; von dort aus bereiste er die Küste 1931 und 1934 und schuf unter anderem die Lithografie Atrani, Küste von Amalfi (1931), deren Motiv später in der Metamorphose-Serie wieder auftaucht. Positano, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein armes Fischerdorf, zog gerade deshalb Künstler an: Der Maler Karli Sohn-Rethel lebte ab 1921 dort, der Choreograf Léonide Massine kaufte 1924 die Inseln Li Galli. Zwischen 1933 und 1945 wurde der Ort zur Exilkolonie deutschsprachiger Maler und Schriftsteller: Armin T. Wegner (ab 1936), Stefan Andres (1937–1948, später Autor von Positano. Geschichten aus einer Stadt am Meer), Kurt Craemer, Bruno Marquardt und Essad Bey, der 1942 hier starb. Den internationalen Durchbruch brachte John Steinbecks Essay in Harper's Bazaar vom Mai 1953: Positano sei ein Traumort, der nicht ganz wirklich sei, solange man dort ist, und erst nach der Abreise wirklich werde. 1957 gründete der Pianist Wilhelm Kempff in seiner Casa Orfeo Beethoven-Interpretationskurse, 1989 kaufte Rudolf Nurejew Li Galli.
Wer war hier — die Übersicht
- 1770: Mozart, 14 Jahre alt, bei Hamilton in Neapel
- 1787: Goethe mit Kniep in Salerno und Paestum (23. März und 16. Mai)
- 1826: Kopisch und Fries in der Blauen Grotte auf Capri
- 1828/29: Longfellow in Italien; Blechen mit dem Amalfi-Skizzenbuch
- 1851: Reid übernimmt die Villa Rufolo in Ravello
- 1879: Ibsen im Luna Convento, Amalfi
- 1880: Wagner in Ravello und Amalfi
- 1899–1902: Krupp überwintert auf Capri
- 1904: Beckett kauft die Villa Cimbrone
- 1923: Escher in Ravello; 1931 Lithografie von Atrani
- 1936–1948: Exilkolonie in Positano (Wegner, Andres, Essad Bey)
- 1938: Garbo und Stokowski in der Villa Cimbrone
- 1953: Steinbeck über Positano; erstes Ravello Festival
Was die Grand Tour hinterließ
Vier Dinge vor allem. Erstens die Hotels: Luna Convento und Cappuccini in Amalfi, Palumbo in Ravello, Quisisana auf Capri entstanden für Reisende, die Monate blieben, nicht Nächte. Zweitens die Villen und Gärten: Rufolo und Cimbrone sind Schöpfungen britischer Käufer, die eine Ruine nach ihrem Bild der Küste umbauten. Drittens die Bildmotive: der Blick von der Terrasse aufs Meer, die weißen Häuser über der Klippe, die Tempel im Abendlicht, die Grotte in blauem Licht. Piranesi, Blechen, Kopisch und Escher haben sie geprägt, lange bevor Postkarten und Fotos kamen. Und viertens der Blick von außen: Die Amalfiküste als Sehnsuchtsort ist eine Erfindung nordeuropäischer Reisender, nicht der Einheimischen. Steinbecks halb ernste Warnung, man solle einen so schönen Ort lieber verschweigen, ist selbst Teil dieses Musters.
Spuren heute
Die Villa Cimbrone (Garten öffentlich, Villa als Hotel) und die Villa Rufolo mit der Festivalbühne sind die konkretesten Orte; in Cimbrone erinnert eine Tafel an Garbo. Das Luna Convento ist Hotel geblieben, Kreuzgang und Kapelle des Klosters sind erhalten. In Paestum steht man an derselben Stelle wie Goethe, und das Museum zeigt außerdem, was er nicht sehen konnte: das 1968 gefundene Tauchergrab. In Positano trägt eine Straße den Namen von Stefan Andres, auf Capri führt die Via Krupp hinunter zur Marina Piccola (wegen Steinschlaggefahr immer wieder gesperrt, Zugang vor Ort prüfen), und die Villa San Michele ist seit den 1950er Jahren Museum.
Typische Missverständnisse
- Goethe war an der Amalfiküste. Nein, er kam nur bis Salerno und Paestum. Amalfi, Ravello und Positano hat er nie betreten.
- Wagner komponierte den Parsifal in Ravello. Er fand dort 1880 das Bild für Klingsors Garten und blieb wenige Tage; die Partitur vollendete er 1882 in Palermo.
- Die Grand Tour führte über die Küstenstraße. Die Straße wurde 1853 eröffnet, als die klassische Grand Tour im Eisenbahnzeitalter schon zu Ende ging. Frühere Besucher kamen per Boot oder Maultier.
- Die Blaue Grotte wurde 1826 entdeckt. Sie war in der Antike ein Nymphäum und den Fischern als „Gradola“ bekannt. Kopisch hat sie bekannt gemacht, nicht gefunden.
Lesetipps
- Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise, darin die Einträge vom 23. März und 17. Mai 1787 zu Salerno und Paestum.
- August Kopisch: Entdeckung der blauen Grotte auf der Insel Capri (1838).
- Axel Munthe: Das Buch von San Michele (1929, deutsch 1931), mehr Legende als Biografie, aber prägend.
- Stefan Andres: Positano. Geschichten aus einer Stadt am Meer (1957).
- John Steinbeck: Positano, Harper's Bazaar, Mai 1953.
- Henry Wadsworth Longfellow: Amalfi, in Kéramos and Other Poems (1878).
Häufige Fragen zur Grand Tour an der Amalfiküste
- Was war die Grand Tour?
Die Bildungsreise junger Nordeuropäer nach Italien, üblich vom späten 17. Jahrhundert bis in die 1840er Jahre. Rom war das Hauptziel, Neapel mit Vesuv, Pompeji und Herculaneum der südliche Endpunkt; Paestum galt als Abstecher für Wagemutige. Mit Eisenbahn und Pauschalreise ab den 1840er Jahren ging die Grand Tour im modernen Tourismus auf.
- War Goethe an der Amalfiküste?
Nein. Goethe reiste im März und Mai 1787 von Neapel über Salerno nach Paestum, um die griechischen Tempel zu sehen. Amalfi, Ravello und Positano hat er nicht besucht — eine Küstenstraße gab es damals noch nicht.
- Welche Künstler lebten in Positano?
Ab den 1920er Jahren der Maler Karli Sohn-Rethel und der Choreograf Léonide Massine (Li Galli), zwischen 1933 und 1945 eine Exilkolonie deutschsprachiger Künstler mit Stefan Andres, Armin T. Wegner, Kurt Craemer und Essad Bey. Später kamen Wilhelm Kempff, Franco Zeffirelli und Rudolf Nurejew.
- Was hat Wagner mit Ravello zu tun?
Wagner besuchte am 26. Mai 1880 den Garten der Villa Rufolo und sah darin das Vorbild für Klingsors Zaubergarten im zweiten Akt des Parsifal. Das Ravello Festival erinnert seit 1953 mit Konzerten im selben Garten an den Besuch.
- Wo schrieb Ibsen die Nora?
Ibsen vollendete Nora oder Ein Puppenheim im Sommer 1879 im Luna Convento in Amalfi, einem zum Hotel umgebauten Franziskanerkloster. Das Stück erschien am 4. Dezember 1879 in Kopenhagen und wurde dort am 21. Dezember uraufgeführt.








