Die Grand Tour war im 18. und 19. Jahrhundert die Bildungsreise junger europäischer Adliger und Bürgerlicher nach Italien. Standardroute: Venedig, Florenz, Rom, Neapel — und für die Ambitionierten weiter nach Paestum und an die Amalfiküste. Diese Reisen formten das mitteleuropäische Bild von Italien stärker als jeder Reiseführer es heute könnte.
Goethe in Paestum
Goethe besuchte Paestum am 23. März 1787. In der Italienischen Reise beschreibt er, wie ihn die wuchtigen dorischen Säulen zunächst irritierten und erst auf den zweiten Blick beeindruckten — eine offene Selbstkorrektur, die viel über das veränderte Geschmacksbild des späten 18. Jahrhunderts erzählt. Vor Goethe galt Dorisch als roh; nach Goethe und Winckelmann als ideal.
Ravello als Künstlerort
Im 19. Jahrhundert entdeckten nordeuropäische Künstler und Komponisten Ravello. Richard Wagner besuchte 1880 die Villa Rufolo und ließ sich vom Garten zur Bühne des „Klingsor-Zaubergartens" im Parsifal inspirieren. Edvard Grieg, D. H. Lawrence, M. C. Escher und André Gide kamen in den folgenden Jahrzehnten — Ravello wurde zu einem stillen Treffpunkt der europäischen Kulturszene.
Was bleibt
Die Grand-Tour-Tradition hat die Amalfiküste früh als ästhetisches Ziel etabliert — lange bevor der Massentourismus kam. Viele Hotels in Sorrent, Amalfi und Ravello stammen aus dieser Zeit. Und das stilisierte Bild der Küste — pastellfarbene Häuser über dem Meer, Pinien, klassische Ruinen — ist eine Erfindung dieser Reisenden, die bis heute das Marketing der Region prägt.








