Bevor die Küstenstraße gebaut wurde, war die Amalfiküste nur zu Fuß und per Boot erschlossen; das Netz aus Maultierpfaden, Treppen und Verbindungswegen zwischen den Dörfern existiert bis heute. Dazu kommen die Kammwege der Monti Lattari, des Gebirgszugs, der die Halbinsel bis auf 1.444 m (Monte San Michele) aufwölbt. Markiert und gepflegt wird das Netz vom italienischen Alpenverein CAI, Sektion Monti Lattari. Dieser Guide ordnet die wichtigsten Routen nach Schwierigkeit, nennt Dauer, Höhenmeter und Anreise je Tour und sagt, was an Hitze, Steinschlag und Sperrungen zu beachten ist.
Die Touren im Überblick
- Leicht (bis 2 Std): Sentiero dei Limoni Maiori–Minori (1 Std) · Torre dello Ziro ab Pontone (30 Min je Richtung) · Valle dei Mulini bis zu den Mühlenruinen (1–2 Std)
- Mittel (2–4 Std): Sentiero degli Dei Bomerano–Nocelle (3–4 Std) · Valle delle Ferriere ab Pontone (3–4 Std) · Treppenweg Atrani–Ravello (1 Std bergauf) · Baia di Ieranto (2–2,5 Std) · Punta Campanella (2 Std) · Volpe Pescatrice Furore–Praiano (2,5 Std)
- Anspruchsvoll (ab 4 Std oder viel Höhe): Monte Tre Calli als Rundtour (4–5 Std) · Santuario dell’Avvocata ab Maiori (865 Hm) · Maiori–Erchie (5 Std) · Monte Cerreto 1.316 m (4 Std) · Etappen der Alta Via (Kategorie EE)
Sentiero degli Dei: der Klassiker
Länge: Bomerano–Nocelle ca. 7,8 km (reiner CAI-327-Pfad 5,3 km) · Höhenprofil: 184 m auf, 356 m ab · Dauer: 3–4 Std bis Nocelle, 4,5–6 Std bis Positano · Schwierigkeit: mittel · Start: Bomerano (Agerola), SITA-Linie 5080 ab Amalfi, ca. 40 Min
Der berühmteste Weg der Küste verläuft hoch über der Steilküste nach Nocelle oberhalb von Positano, mit Blick bis Capri. Von Nocelle führen rund 1.700 Stufen hinunter nach Positano. Unterwegs gibt es praktisch kein Trinkwasser; nummerierte Keramikkacheln am Weg dienen der Standortmeldung an die 112. Der Zugang ist frei und ohne Anmeldung, in der Saison ist der Weg aber voll, also früh starten (Stand: September 2026). Die Variante ab Praiano (Santa Maria di Costantinopoli) bringt ca. 580 Hm Aufstieg bis Colle Serra mit. Alle Details, Varianten und der Abstieg nach Positano stehen im Beitrag zum Sentiero degli Dei.
Valle dei Mulini und Valle delle Ferriere: die Schattige
Dauer: 1–2 Std bis zu den Mühlen; ab Pontone durch die Riserva nach Amalfi ca. 6 km, 3–4 Std · Schwierigkeit: leicht bis mittel, viele Stufen · Start: Piazza Duomo in Amalfi oder Pontone (Ortsteil von Scala)
Die Schluchtwanderung hinter Amalfi folgt dem Canneto-Bach zu den Ruinen der Papiermühlen und hinauf in ein Tal mit Wasserfällen und Riesenfarnen. Dank Schatten und Wasser ist sie die beste Wahl für heiße Tage. Die Kernzone (Riserva Integrale) ist nur mit Reservierung über die Gemeinde Scala zugänglich, Ticket ca. 5 € online oder am Infopoint in Pontone (Stand: September 2026). Varianten und das Museo della Carta am Startpunkt im Beitrag zum Valle dei Mulini.
Sentiero dei Limoni: die Genusstour
Länge: ca. 2,5 km · Höhenmeter: ca. 150 m, rund 400 Stufen · Dauer: ca. 1 Std · Schwierigkeit: leicht · Start: Kirche Santa Maria a Mare in Maiori oder Ortszentrum Minori
Der alte Verbindungsweg zwischen Maiori und Minori führt über den Weiler Torre mitten durch die Zitronenterrassen des Sfusato Amalfitano; von Torre aus sieht man beide Buchten. Für Familien machbar, kombinierbar mit Strand oder Fähre in Minori.
Treppenwege nach Ravello: Atrani und Minori
Atrani–Ravello: 45 Min bergab, gute Stunde bergauf, je nach Zählung 1.000–1.700 Stufen · Minori–Ravello: ca. 400 Hm, rund 1.500 Stufen · Schwierigkeit: mittel (nur Kondition)
Ohne Bus geht es zu Fuß hinauf nach Ravello: von Atrani durch Gassen und Terrassen, von Minori über den Ortsteil Torello. Beliebte Halbtagesrunde: Sentiero dei Limoni, Aufstieg von Minori, Abstieg nach Atrani.
Torre dello Ziro: der Aussichtsbalkon
Länge: CAI 351b ab Pontone 1,1 km, ca. 75 Hm · Dauer: 30 Min je Richtung, als Runde über Minuta und Abstieg nach Atrani 2–3 Std · Schwierigkeit: leicht · Start: Piazza von Pontone (Scala), Bus Richtung Ravello/Scala ab Amalfi
Kurze, lohnende Tour zum Wachturm aus dem 15. Jahrhundert (Umbau 1480) auf dem Felsrücken zwischen Amalfi und Atrani. Vom Belvedere auf 264 m oberhalb des Turms fällt der Blick fast senkrecht auf die Dächer von Atrani; der Legende nach endete hier 1510 Herzogin Giovanna d’Aragona. Der Pinienweg ist auch für Ungeübte machbar.
Monte Tre Calli: die Gipfeltour
Höhenprofil: Gipfel 1.122 m, ab Bomerano (ca. 650 m) rund 500 Hm · Dauer: ca. 2 Std zum Gipfel, Rundtour über Capo Muro 4–5 Std · Schwierigkeit: mittel, Trittsicherheit nötig · Start: Bomerano, SITA 5080
Der CAI 329 (Sentiero Alto degli Dei) steigt vom selben Startpunkt wie der Götterweg ohne Verschnaufpause auf den Kalkgrat: Rundblick über die Hochebene von Agerola, den Golf von Salerno und Capri, deutlich einsamer als unten. Die komplette 329 bis Montepertuso (8,4 km, 580 Hm, gut 4 Std) ist hinter Capo Muro ausgesetzt, mit Erdrutschen, umgestürzten Bäumen und zugewachsenen Passagen; CAI-Melder stufen diesen Abschnitt als EE statt E ein. Nur bei trockenem Wetter gehen.
Santuario dell'Avvocata: die Wallfahrt
Länge: CAI 307 ab Maiori (Casale dei Cicerali) 3,8 km · Höhenmeter: 865 m · Dauer: 2,5 Std bergauf, knapp 2 Std bergab · Schwierigkeit: anspruchsvoll (Kondition, Hitze)
Das Wallfahrtskloster liegt auf rund 830 m am Monte Falerzio (1.014 m) über Maiori; die Gründungslegende erzählt von einem Hirten, dem 1485 in einer Grotte die Madonna erschien. Am Pfingstmontag ziehen Pilger aus Maiori, Cava und Cetara hinauf, viele bereits in der Nacht. Außerhalb dieses Tages ist der Weg einsam, im Sommer stellenweise zugewachsen und schwach markiert; Karte oder GPS gehören ins Gepäck. Im Juli 2026 brannte es bei Maiori an den Hängen Richtung Avvocata, auf solchen Flächen können Markierungen fehlen. Alternative Zustiege ab Corpo di Cava (Badia) und Cetara.
Baia di Ieranto und Punta Campanella: die Sorrentiner Seite
Ieranto: ab Nerano ca. 3 km einfach, ca. 235 Hm, 2–2,5 Std hin und zurück · Punta Campanella: ab Termini ca. 4 km einfach, ca. 300 Hm, 1 Std je Richtung · Schwierigkeit: mittel · Start: Nerano bzw. Termini (Massa Lubrense), Bus ab Sorrent
Am Ende der Halbinsel liegt die vom FAI betreute Baia di Ieranto mit Blick auf die Faraglioni von Capri; der Gemeindeweg ab Nerano führt durch Olivenhaine und Macchia zum Wasser. Am 26. März 2026 verhängte die Hafenbehörde von Castellammare di Stabia rund um die marode ehemalige Italsider-Plattform ein Bade- und Bootsverbot; der zentrale Strand, der Weg ab Nerano und die FAI-Führungen blieben nach Berichten vom Juli 2026 geöffnet. Von Termini führt ein alter Militärweg zum Leuchtturm auf der Punta Campanella, dem Kap gegenüber Capri und Endpunkt der Alta Via.
Weitere Wege: Furore, Erchie, Cerreto, Finestra
- Sentiero della Volpe Pescatrice (Furore–Praiano): über 900 Stufen, ca. 256 Hm, 2,5 Std. Der Sentiero dei Pipistrelli Impazziti (CAI 317) durch den Fjord wurde nach dem Brand im August 2017 behördlich gesperrt und ist bei der CAI-Sektion Monti Lattari weiterhin als geschlossen verzeichnet (Stand: September 2026).
- Maiori–Erchie (CAI 307/304/305): ca. 5 Std über die Höhe hinter Capo d’Orso; Cetara–Erchie 7,5 km, ca. 4 Std. Ziel ist der kleine Strand von Erchie, zurück per Bus. Das Gebiet zwischen Maiori und Tramonti war im Sommer 2026 mehrfach von Bränden betroffen, Markierung und Wegzustand können deshalb schlechter sein als beschrieben.
- Monte Cerreto (1.316 m, CAI 300 ab Tramonti): ca. 4 Std, der höchste leicht erreichbare Gipfel der Ostküste.
- Monte Finestra (Südgipfel 1.145 m): ab Corpo di Cava ca. 700 Hm, Kategorie EE mit Kletterstellen, nur für Geübte.
CAI-Markierungen und die Alta Via dei Monti Lattari
Die Wege der Region tragen Nummern der 300er-Serie und rot-weiße Farbzeichen an Felsen, Mauern und Bäumen. Rückgrat des Netzes ist die Alta Via dei Monti Lattari (CAI 300) von Corpo di Cava (352 m) bei Cava de’ Tirreni bis zur Punta Campanella: je nach Zählung 75–80 km mit über 5.000 Hm Aufstieg, in 4–6 Etappen, überwiegend Kategorie EE. Schon die erste Etappe bis zum Valico di Chiunzi misst 20 km und 1.550 Hm, und der CAI warnt selbst, dass die Markierung zwischen Avvocata und Foce di Tramonti fast verschwunden ist. Für Tagestouren eignen sich die Zubringer und Höhenwege oben besser; die CAI-Wanderkarte Monti Lattari oder ein GPS-Track gehört auf jede längere Tour.
Jahreszeit und Sicherheit
Beste Monate: April bis Mitte Juni und September bis Mitte Oktober, mit stabiler Sicht, erträglichen Temperaturen und im Frühling blühender Macchia. Im Hochsommer sind Sentiero degli Dei, Tre Calli und Avvocata praktisch schattenlos; dann nur mit Start vor 8 Uhr oder gleich ins Valle delle Ferriere. Im Winter ist Wandern möglich, nach Regen wird der Kalk aber rutschig. Mehr zum Klima im Beitrag zur besten Reisezeit.
Absturz und Steinschlag: Viele Wege verlaufen an Abbruchkanten; am 30. Mai 2026 stürzte eine Wanderin bei Colle Serra auf dem Sentiero degli Dei tödlich ab. Nach Regen lösen sich Steine aus den Hängen, in engen Passagen deshalb zügig durchgehen und nicht stehen bleiben. Brände: In trockenen Sommern brennt die Macchia regelmäßig. Im Sommer 2026 traf eine ganze Serie die Hänge zwischen Maiori, Tramonti und Ravello, unter anderem am 24. und 29. August und in der Nacht zum 5. September; Mitte September brannte es auch bei Agerola. Formale Wegsperrungen infolge dieser Brände waren bis Mitte September nicht bekannt, auf Brandflächen fehlen aber oft Markierungen. Die Geologenkammer Kampaniens warnte Ende August und erneut Mitte September 2026 vor Rutschungen und Schlammströmen an den kahlen Hängen, sobald die Herbstregen einsetzen. Vor Touren zur Avvocata, nach Erchie oder auf den Monte Cerreto den Zustand am besten vor Ort erfragen (Stand: September 2026). Gewitter: Im Spätsommer entladen sie sich oft am Nachmittag; Grate und Gipfel vormittags abhaken. Sperrungen: Neben dem Pipistrelli-Weg sind immer wieder Abschnitte nach Erdrutschen oder aus Wartungsgründen dicht; den Zustand vorab bei der CAI-Sektion Monti Lattari oder vor Ort erfragen.
Ausrüstung kompakt
- Feste Schuhe mit Profilsohle: Sneaker sind auf polierten Kalkplatten grenzwertig, Sandalen ein Fall für die Bergrettung.
- Mindestens 1,5 Liter Wasser pro Person; auf Götterweg, Tre Calli, Avvocata und Punta Campanella gibt es weder Quellen noch Einkehr.
- Sonnenhut, Sonnencreme, leichte Windjacke für Grat und Gipfel.
- Bei empfindlichen Knien leichte Stöcke für die langen Treppenabstiege.
- Offline-Karte oder GPX-Track, Powerbank, Bustickets für die Rückfahrt.
Die komplette Übersicht steht in der Packliste.
Typische Fehler
- Nach Kilometern planen statt nach Stufen: Fast jede Tour hier enthält mehr Treppen, als die Distanz vermuten lässt; Atrani–Ravello sind kaum 2 km, aber über 1.000 Stufen.
- Mittags am Götterweg starten: Ab 11 Uhr sind die Busse voll und die Sonne steht senkrecht. Erster Bus, oder Anreise nach Bomerano am Vorabend.
- Den Sentiero degli Dei bergauf gehen: Von Positano aus kommen die 1.700 Stufen nach Nocelle zuerst; die Richtung Bomerano–Positano ist die sinnvolle.
- Mit dem Auto zum Startpunkt: Parkplätze sind rar, Streckenwanderungen enden woanders. Bus und Fähre sind das Wandertaxi der Küste.
Anreise zu den Startpunkten
Praktisch alle Ausgangspunkte sind mit den SITA-Bussen erreichbar: Bomerano (Sentiero degli Dei, Monte Tre Calli) mit der Linie 5080 ab Amalfi, Pontone (Torre dello Ziro, Valle delle Ferriere) mit dem Bus Richtung Ravello/Scala, Maiori und Minori zusätzlich per Fähre, Tramonti für Monte Cerreto über den Valico di Chiunzi. Für Nerano und Termini fährt man über Sorrent und weiter mit dem Bus nach Massa Lubrense. Tickets vorher im Tabacchi kaufen, das 24-Stunden-Ticket CostieraSita (10 €, Stand: September 2026) lohnt sich bei Hin- und Rückfahrt mit Umstieg. Vor dem Start außerdem den letzten Rückbus prüfen, abends dünnt der Takt aus.
Häufige Fragen zum Wandern an der Amalfiküste
- Welche Wanderung an der Amalfiküste ist die schönste?
Für die Aussicht der Sentiero degli Dei, für Ruhe und Schatten das Valle delle Ferriere, für Gipfelgefühl der Monte Tre Calli. Bei nur einem Tag fällt die Wahl auf den Götterweg, dann aber früh und in Richtung Positano.
- Braucht man einen Guide?
Für Sentiero degli Dei, Sentiero dei Limoni, Torre dello Ziro und die Treppenwege nicht, sie sind markiert und stark begangen. Sinnvoll ist ein Führer für die Riserva Valle delle Ferriere, für Alta-Via-Etappen und für den Monte Finestra, wo Markierung und Wegzustand schwanken.
- Kann man im August wandern?
Ja, mit Einschränkungen: Nur frühmorgens starten, schattige Touren wie das Valle delle Ferriere oder den Sentiero dei Limoni bevorzugen, mindestens zwei Liter Wasser tragen und exponierte Gipfel bei über 30 Grad lassen. Nachmittags drohen Hitzegewitter.
- Wie schwer ist der Sentiero degli Dei wirklich?
Technisch mittel: 7,8 km, gut 350 Höhenmeter bergab, Trittsicherheit an wenigen ausgesetzten Stellen. Anstrengend wird er durch Hitze, fehlendes Wasser und die 1.700 Stufen nach Positano, nicht durch die Kilometer.


